19. August 2014

Schmöker: „Der Schwimmer“ von Zsuzsa Bánk

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Tief bewegende Geschichte

Es ist das Ende von „Der Schwimmer“, das mich regelrecht erschütterte und nachhaltig mitnahm. Selten saß ich nach der letzten Seite eines Buches einfach nur da und dachte: „Oh nein.“ Die Geschichte um die beiden Geschwister Kata und Isti hat mich tief berührt.

Zäher Beginn

Dabei waren die ersten 100 Seiten von „Der Schwimmer“ eine sehr zähe Angelegenheit. Über mehrere Wochen las ich immer nur wenige Seiten, legte das Buch weg, nahm es wieder in die Hand – und hatte dann den Überblick verloren. Wer war denn nochmals wer? Ähnlich war es mir schon mit „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk gegangen. Nun hatte ich am vergangenen Wochenende endlich Zeit und las zwei Drittel des Buches quasi an einem Stück – und tauchte tief in das Ungarn nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1956 ein. „Der Schwimmer“ ist ein Heimatroman, der einfach nur wunderbar geschrieben und erzählt ist.

Reise durch Ungarn

Es ist Herbst, als die Mutter von Kata und Isti am Bahnhof in einen Zug steigt und einfach davonfährt. Sie kehrt nie wieder heim. Die beiden Geschwister bleiben mit ihrem Vater alleine zurück. Die Kinder: traumatisiert. Der Vater: völlig überfordert und unstet.

Eine jahrelang Reise durch Ungarn folgt: Ein richtiges Zuhause haben Kata und Isti nicht mehr. Sie kommen stattdessen bei ganz unterschiedlichen Menschen unter. An einem See wohnen zum Beispiel Zolán, Ági und Virág, bei ihnen fühlen sich die Geschwister wohl. Vor allem der kleine Isti kämpft mit dem Verlust seiner Mutter. Er beginnt Dinge zu hören, die keinen Laut von sich geben, er hört die Trauben und den Staub, der über den Boden weht. Nur im Wasser kann er vergessen, dass seine Mutter ihn verlies, er kann loslassen, toben, Freude haben. Seiner älteren Schwester Kata wird in dieser Zeit schnell klar: „Nichts ist von Dauer“. Einzig die Sorge um ihren Bruder ist ihr treu.

Mosaik an unterschiedlichen Biografien

Perspektivwechsel: Nicht nur die Geschichte von Kata und Isti wird erzählt. Auch was der Mutter auf ihrer Flucht nach Österreich widerfährt, lässt Zsuzsa Bánk den Leser wissen. Außerdem wird auf die Vergangenheit der Großmutter und des Vaters näher eingegangen. „Der Schwimmer“ ist so ein kunterbuntes Mosaik an unterschiedlichen Biografien.

Aber was ich am meisten an diesem Buch liebe: Die einzelnen Sätze und Beschreibungen sind eine wahre Wohltat und erzeugen ein präzises Kopfkino. Bis ins kleinste Detail geht Zsuzsa Bánk auf die Natur, die Menschen und einzelnen Situationen ein. „Der Schwimmer“ ist ein trauriges Buch – das jedoch völlig frei von Sentimentalität und Kitsch ist. Vielmehr ist es mitten aus dem Leben. Das macht es wohl auch so bedrückend, aber unbedingt lesenswert.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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