29. April 2016

Schmöker: „Ohrfeige“ von Abbas Khider

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Ein spannender, aber auch deprimierender Roman

Flüchtling Karim möchte eigentlich nach Paris. Doch sein Schleuser lässt ihn in der bayerischen Provinz stehen. So stellt der junge Mann aus dem Irak dort seinen Asylantrag – es beginnt eine Odyssee durch die Absurditäten der deutschen Bürokratie, ohne Happy End. Abbas Khider ermöglicht mit „Ohrfeige“ einen Blick in das Innenleben eines Flüchtlings, auf spannende, ernüchternde, desillusionierende, aber auch sehr kurzweilige und humorvolle Art. Es ist ein Perspektivwechsel, der lange nachwirkt und aufklärt.

Wütende Rede

Schon auf den ersten Seiten nimmt Abbas Khider das Ende vorweg. Flüchtling Karim besucht seine Sachbearbeiterin zum letzten Mal, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Er fesselt die Frau, damit ihm endlich mal jemand zuhört – so erzählt er ihr wütend seine traurige Geschichte. Das sind 220 Seiten voller Kraft, voller Klage über eine zerrissene Gesellschaft.

Ein brandaktueller Roman

Autor Abbas Khider floh selbst in den 1990er-Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Sein Protagonist kommt kurz vor dem 11. September aus der Diktatur von Saddam Hussein in die Bundesrepublik. Er hat das Abitur, möchte studieren. Aber das funktioniert nicht so einfach. Die Irrwege des deutschen Asylsystems werden deutlich. Wartezeiten, Sperren, Ausharren. Karim lebt drei Jahre lang in einer Zwischenwelt, weit weg von der Heimat, aber nicht angekommen in der neuen.

Direkt und zynisch

Mit „Ohrfeige“ bricht Abbas Khider den so oft undifferenziert verwendeten Ausdruck „Flüchtling“ auf. Er zeigt das Individuelle. Was hat der Einzelne für Ängste, Wünsche, welche Geschichte bringt er mit? Was treibt einen Menschen an, alles aufzugeben? Wie fühlt es sich an, in einer Flüchtlingsunterkunft zu leben, wo unterschiedliche Nationen, Religionen und Lebensgewohnheiten aufeinander knallen? Protagonist Karim erzählt von menschlichen Tragödien auf sehr direkte und leicht zynische Art.

„Statt in der Universität war ich im Obdachlosenheim, in der Goethemoschee und im Enil. Statt mit Studenten und Professoren gab ich mich mit Kriminellen, Fanatikern und Strichern ab. Und jetzt? Ich stehe wieder ganz am Anfang. (…) Was würden Sie an meiner Stelle tun, Frau Schulz? Ich habe keine Wahl, obwohl dieser Planet riesig ist. In Bagdad konnte ich nicht bleiben, in Deutschland darf ich nicht bleiben.“

„Wir sind alle wie die geschmacklosen und billigen Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl finden kann. Wir werden mit dem Lastwagen hierhergeschleppt wie Bananen oder Rinder, werden aufgestellt, sortiert, aufgeteilt und billig verkauft. Was übrig bleibt, kommt in den Müll.“

Dankbar!

Das Buch entwickelt solch einen Sog, dass ich es in kürzester Zeit durchlas. An vielen Stelle stockte ich kurz, konnte es nicht fassen, wie kompliziert und irrational dieser Bürokratie-Apparat ist, wie unmenschlich. „Ohrfeige“ bringt Bodenhaftung zurück. Denn als ich damit fertig war, saß ich zuhause auf meinem Bett und war einfach nur unglaublich dankbar, dass ich in Deutschland geboren bin und wie im Paradies leben darf.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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