5. Juli 2016

Kurioses: „Ismael“

13588986_10208966986159556_1216186168_o

Wo ist Ismael? Oder: Lost in Translation

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin in einer Soap-Opera gefangen. So wie Truman Burbank in dem Film „Die Truman Show“. Ich stelle mir vor, wie ein betrunkener Regisseur das Drehbuch schrieb. Ein bisschen Comedy mit Romantik mixte und dann noch eine Brise Drama hinzugab. Eine Freundin meinte mal zu mir, „Miriam, dein Leben ist wie die ,Fabelhafte Welt der Amelie‘ – nur verfilmt von Tim Burton“. Andere sagen, ich lebe auf Crazy-Island. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Die nun folgende Episode könnte unter dem Sitcom-Genre laufen, etwas Leichtes zum Einstieg sozusagen. Titel: Wo ist Ismael? Oder: Lost in Translation.

Prolog

Als ich mich bei meinen Barcelona-Vorbereitungen durch die Airbnb-Angebote klickte, war meine Maxime: Eine Wohngemeinschaft soll es sein, mit Anschluss zu spanischen Menschen. Schnell stieß ich auf Gema und Aaron. Es hieß da: Wir sind zu dritt, gehen gerne in Bars, auf Konzerte und lieben die Kunst. Perfekt, dachte ich. Ich klickte auf die verbindliche Anfrage. Die Zusage kam schnell.

Als ich wenige Tage später nochmals die Beschreibung las, war ich verwirrt. Da stand plötzlich etwas von Paar mit Ismael. Und irgendwie verstand ich das so, dass Ismael der Sohn ist, und es setzte sich in meinem Kopf fest, dass Ismael drei Jahre alt ist. Oh, dachte ich. Dumm. Das war nicht der Plan, also bei einer Kleinfamilie zu wohnen. Aber nun gut, ändern konnte ich es nicht mehr, also redete ich mir die Rahmenbedingungen schön.

Ich sagte mir: Gema und Aaron sind bestimmt eher lockere Eltern, wenn sie noch so gerne ausgehen. Und Ismael ist mit seinem Vokabular-Schatz wahrscheinlich auf einer ähnlichen Konversations-Stufe wie ich mit meinem Schul-Spanisch. Bestimmt ein süßer Knirps mit großen braunen Augen und Locken. Mit ihm kann ich dann gut plaudern.

So erzählte ich allen Menschen im Vorfeld, dass ich in Barcelona bei einem Paar mit Kind wohne. Meinen Eltern, Freunden und meinen Arbeitskollegen.

Die Geschichte

Als ich am vergangenen Mittwoch hier ankam, war nur Aaron da. Typ: Künstler. Er zeigte mir einen Teil der Wohnung und meinte, dass in einem Zimmer noch ein Paar aus Hamburg zu Gast ist und im anderen Teil Gema und er wohnten. Von Ismael sagte er nix, aber da machte ich mir noch keine weiteren Gedanken. Als ich spät am Abend nach Hause kam, saßen Gema und er alleine in der Küche. Ismael wähnte ich in seinem Bett.

Am nächsten Morgen war wieder nur Aaron da. Gema hat Ismael bestimmt gleich morgens zur Kita gebracht. Ich war mir sicher. Ich war fast den ganzen Tag unterwegs und als ich irgendwann nach Hause kam, rechnete ich gar nicht mehr damit, dass ein Kleinkind zu dieser Zeit noch wach ist.

Überall Gras!

Am Freitag war es ähnlich. Ich war nur leicht verwundert, dass selbst am Morgen keine Kinderstimme zu hören ist. Kein Lachen, kein Quengeln, kein Schreien. Dafür zogen ständig sehr auffällige Gerüche durch die gesamte Wohnung. Oje, dachte ich. Dieses arme Kind wird vor lauter Gras-Rauch doch nicht völlig benebelt irgendwo in einem Zimmer sitzen. Ich war alarmiert.

Ich begab mich in der Wohnung auf Spurensuche – irgendwas muss doch auf das Kind hindeuten. Aber ich sah kein Kindergeschirr, keinen Hochstuhl und auch keine Spielsachen. Jedoch: In der Schublade lagen zwischen Messer und Gabel zwei Kerzen mit den Ziffern „2“ und „3“. Die steckten bestimmt auf Ismaels Geburtstagskuchen. Ich war mir sicher.

Am Abend redete ich dann mit dem Mädel aus Hamburg darüber. Ismael? Sie sah mich fragend an. Wer soll das sein? In der Airbnb-Beschreibung stand inzwischen nur noch etwas von Gema und Aaron. Nun war ich komplett verwirrt. Ich hatte mir das doch nicht ausgedacht.

Ausgezogen!

Als Gema am nächsten Tag aber erst um 14 Uhr vom Feiern nach Hause kam, war mir klar, dass es wohl kein Kleinkind hier gibt. Es ließ mir aber keine Ruhe, ich fragte nach. Wo ist eigentlich Ismael?

„Oh, ausgezogen, vor wenigen Wochen.“ In meinem Kopf sah ich, wie ein Dreijähriger seinen Mini-Koffer packte und damit vorsichtig die fünf Stockwerke nach unten wanderte. In der Realität war es wohl ein alternativer, etwa 30-jähriger Spanier, der seine Hosen und T-Shirts in einen Rucksack stopfte, seine Matratze unter den Arm klemmte und damit locker-leicht die Treppe hinab schwebte. Lost in Translation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam