25. September 2016

Heimat: Ein Nachmittag mit Mojique, Sarah, Nele und Janosch“

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Das ist Mojique Herrmann.

VW-Bus mitten in Rom geklaut

Mit Wasserflaschen und Milchbeuteln stand Mojique Herrmann mitten auf einer Straße in Rom, schaute erst nach links, dann nach rechts, aber was er sah war: nichts. Sein dunkelgrüner VW-Bus war weg. „Ich hatte ihn auf einem regulären Parktplatz am Straßenrand abgestellt, um im Supermarkt kurz Lebensmittel zu kaufen“, erinnert er sich. Nur wenige Minuten war er in dem Laden, doch die Diebe waren schnell.

In Mojiques Kopf begann es zu rattern, die Gedankenblitze fügten sich zusammen, dann war ihm klar: Der Familienurlaub mit seiner Frau und den beiden Kindern in Italien ist vorbei. Vorbei, bevor er richtig anfangen hat. „Ich war fassungslos“, erzählt er. Gefühle kamen auf, die sich in Worten nur schwer ausdrücken lassen. Panik, Angst und Wut. „Was nun?“ Mojique zückte sein Handy, rief die Polizei. Währenddessen stand seine Frau Sarah mit den beiden Kindern Nele und Janosch am Flughafen in Rom und wartete auf ihn. Vergeblich.

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Das sind Sarah und Nele.

20.000 Euro verloren

„Es waren große Strapazen ohne Bus wieder nach Karlsruhe zu kommen“, berichten mir Mojique und Sarah, als ich mich mit ihnen auf dem Werderplatz treffe. Auch Nele und Janosch sind mit dabei. „Wir wollen gemeinsam die Geschichte erzählen – schließlich ist uns das allen widerfahren“, betont Mojique. Rund 20.000 Euro haben sie durch den Diebstahl verloren. Aber nicht nur das Geld schmerzt, sondern auch das Herz. „Wir hingen sehr an dem Bus“, sagt Sarah. Eine Freundin von ihnen hat nun eine Spendeninitiative ins Leben gerufen, um die Familie zu unterstützen.

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Viel Arbeit und Herz stecken im Bus

„Wir haben den Bus vor 2,5 Jahren gekauft“, erzählt Mojique dann. Sie verliebten sich sofort in das grüne Gefährt mit Oldtimer-Zulassung und begannen ihn aufzurüsten. „Ich nähte Vorhänge und fertige die Polsterbezüge an“, sagt Sarah. Außerdem bauten sie Betten hinein, erneuerten die Bremsanlage und den Auspuff. Auch zahlreiche Familienbilder hängten sie auf.

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Große Vorfreude auf Italien-Urlaub

„Der Italien-Urlaub war sehr lange geplant – und wir freuten uns riesig darauf“, sagt Sarah, die noch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert, während Mojique freiberuflich mehrere Projekte in der Kultur- und Eventszene hat. Da der zweieinhalbjährige Janosch ein wenig Probleme hat, stundenlang in einem Auto zu sitzen und es günstige Flüge nach Rom gab, beschlossen sie, die Hinfahrt getrennt zu machen. „Ich fuhr mit dem VW-Bus vor, Sarah, Nele und Janosch kamen mit dem Flugzeug nach.“

Unruhe am Flughafen

Mojique suchte zunächst einen Campingplatz und machte sich dann auf den Weg Richtung Supermarkt. Währenddessen war Sarah mit den Kindern noch ahnungslos in der Luft. „Wir waren so gespannt“, sagt sie. Am Flughafen in Baden-Baden war alles reibungslos gelaufen, nun konnten sie es kaum erwarten, mit Mojique zum Campingplatz zu kommen. „Aber dann war er nicht am verabredeten Flughafen-Treffpunkt“, erinnert sich die Studentin.

„Wo ist Papa?“, begann Nele zu fragen. Sarah wurde unruhig, schaltete ihr Handy an. Es piepte. „Kann euch nicht abholen“, stand aber nur in der SMS. „Ich dachte zuerst, Mojique ist etwas passiert“, erinnert sich Sarah. Innerlich wurde sie panisch. „Wegen der Kinder musste ich aber einen klaren Kopf behalten, ruhig bleiben.“ Sie versuchte ihren Mann zu erreichen, es klappte nicht. Erst nach einiger Zeit schafften sie es, zu telefonieren.

Hilfe auf dem Campingplatz

Die Polizei war Mojique keine große Hilfe. „Obwohl ich ganz passabel Italienisch spreche, war die Kommunikation sehr schwierig.“ Er erstattete zwar Anzeige, aber die Aussicht, dass die Beamten den VW-Bus wieder finden, war von Anfang an gering. Der 32-Jährige machte sich dann auf den Weg zurück zum Campingplatz. Dort standen noch die Fahrräder, die er bereits abgeladen hatte. Auch Sarah kam dorthin – mit dem Taxi. Es war keine günstige Fahrt. So begannen sich nach und nach die Kosten für die Familie zu mehren.

„Wir hatten außerdem gar nichts mehr“, sagt Mojique. Alle Kleidung war weg, das Zelt, die Lebensmittel, die Digi-Cam, die Windeln, Kindersitze, Haushaltsgegenstände. Alles, was sie für einen dreiwöchigen Urlaub in den Bus gepackt hatten. „Wir überlegten kurz, wie es weitergehen soll, mieteten uns dann kurzfristig einen Bungalow am Platz und kümmerten uns über den ADAC um die Rückreise – es war deprimierend“, sagt Sarah. Die Kinder verstanden gar nicht, was los war. Aus einem Traumurlaub war eine völlig chaotische Situation geworden. Zurück ging es dann mit einem Mietauto – 12 Stunden fast am Stück, am Ende der Sommerferien auf der Autobahn. Glücklicherweise hatten sie von anderen Campern Kleidung geschenkt bekommen.

„Bis wir Zuhause ankamen, standen wir eigentlich nur unter Strom und funktionierten irgendwie – welcher Schritt muss als nächstes erfolgen, wie kommen wir über den Tag, wie nach Hause?“, erzählt Mojique. Wieder in ihrer Wohnung in Karlsruhe begriff die Familie aber noch mehr, was alles fehlt. Nicht nur der Bus und die Kleidung waren ja weg, sondern auch die zahlreichen Küchen-Utensilien.

Große Dankbarkeit

Deshalb waren sie zu Tränen gerührt, als ihre Freundin Katrin Braunagel die Spendeninitiative ins Leben rief. „Wir sind so unendlich dankbar.“ Das Geld soll primär in die Wiederanschaffungen fließen – also in die Kleidung für die Kinder, Geschirr, Besteck, Bettwäsche. „An einen neuen Bus können wir derzeit noch nicht denken“, sagt Sarah. Finanziell ist es zum einen unmöglich, aber auch emotional ist es derzeit unvorstellbar. „Irgendwann bestimmt wieder, aber erstmal müssen wir diesen Schock verkraften“, sagt sie.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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