18. März 2017

Kurioses: „WG – der Beginn“

Der Beginn.

Meine WG-Zeit war ein wenig wild. Wenn ich heute darauf zurückschaue, ist viel Melancholie in mir. Ja, ich werde richtig wehmütig, wenn ich an die tollen Sommerabende auf dem Balkon mit Kanister voller Wein, die Küchenpartys und die vielen netten Gespräche denke. Ach.

Top-Lage, schräges Haus!

Die erste WG in Karlsruhe war in der Kronenstraße. Sie lag zwischen einer Fußball-Kneipe mit Biergarten und einem alternativen Club. Unter meinem Fenster versammelten sich nachts Ultras und Punks, grölten, feierten Siege und trösteten sich bei Niederlagen. Es war immer etwas los.

Neben der Spur

Unsere Vermieterin, Frau D., war Mitte 40, flotter Pagenschnitt, leicht ergraute Farbe, Alkoholikerin. Sie wohnte im untersten Stock, eine leichte Schnapsfahne wehte stets aus den Ritzen ihrer Haustür. Meist war sie unsichtbar, störte sich an nichts, reagierte auf nichts. Party-Radau. Kaputter Boiler im Winter. War ihr egal, selbst Sturmklingeln war zwecklos. Nur manchmal sahen wir sie mit ihrem kleinen Flitzer die Hofausfahrt hinausbrettern. Wummm.

Das Haus in der Kronenstraße war voller WGs, im zweiten Stock wohnten kreative Künstler, im dritten wundersame Wiwis, in der obersten Etage wir, ein bunt gemischter Haufen. Unzählige Staubfussel bevölkerten außerdem das ganze Treppenhaus, wirbelten jedes Mal auf und legten sich nieder, wenn jemand von oben nach unten ging. Eine Kehrwoche? Gab es nicht, scheinbar seit Jahren.

Getäuscht!

Wer bist du, was kannst du? Nach erfolgreichem Casting war ich im Hochsommer in der Vierer-WG unter dem Dach gelandet. Es war ein holpriger Start. Es hatte noch geblinkt und geblitzt, als ich am großen Küchentisch der strengen Jury meine grobe Biografie erläuterte. Studium in Heidelberg fast zu Ende, geplanter Arbeitsort: Karlsruhe. Die späte Nachmittagssonne schien damals durch die offene Balkontür, wärmte, warf ein schönes Licht auf alles.

Juhu, die Zusage kam schon einen Tag später. Die Freude war groß, hielt zwei Wochen. Als ich zum Streichen mit Freundinnen anrückte, traf mich fast der Schlag. Ein Topf voll verschimmelter Tortellini stand feierlich auf dem Herd, Maden krabbelten an der Decke, schwarze Haare klebten büschelweise am Badewannenrand, Toilettenpapier und Putzsachen gab es nicht. Die Telefon- und Internetverbindung: tot.

Offline.

Oh. Oje. Ich checkte Kabel und Steckdosen, schaltete den Router aus, wieder ein. Nichts. Panik machte sich in mir breit, die Recherche für meine Magisterprüfung, meine Artikel für die Zeitung. Wie sollte ich sie verschicken? Ich begab mich auf Spurensuche, fand heraus: Die Kabel BW-Rechnung der WG war seit Monaten nicht bezahlt. Der Schuldenstand immens, der Anschluss erstmal gesperrt. Es dauerte Wochen. Das Internet-Cafe am Kronenplatz verwandelte sich so in mein zweites Zuhause, der USB-Stick war ein treuer Begleiter.

Casting-Spaß

Die Rechnungsprellerin musste ausziehen, ein weiterer Mitwohner wechselte zum neuen Semester den Studienort. Acht Wochen nach meiner Ankunft gab es so erneut Casting-Spaß. Nun war ich mit in der Jury – und lernte Karlsruher Studenten kennen. 28 Jungs, 2 Mädchen, Anfang, Mitte 20, fast alle vom KIT. 30 Bewerber im Viertelstunden-Takt. Es war ein soziales Experiment und ziemlich hart. Nach dem zehnten männlichen Kandidaten öffneten wir eine Flasche Wein. Verkappte Münzsammler, schmierige Checker, stinkende Typen. Ich verlor schon die Hoffnung. Aber gegen Ende hatten wir Glück, ein Informatiker mit Skateboad und eine nette Bioingenieursstudentin saßen uns gegenüber. Es passte. Wenige Tage später zogen sie ein. Das bunte WG-Leben konnte beginnen.

…Fortsetzung folgt.

Hier geht es zum zweiten Teil: http://dieschreibmaschine.net/2017/05/20/kurioses-wg-liebe/

2 thoughts on “Kurioses: „WG – der Beginn“

  1. Tony Hawk sagt:

    Habe diesen Skateboard-Phil länger nicht mehr gesehen in Karlsruhe. Wohnt der noch hier?

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Haha, woher Tony Hawk nun aber den Namen meines Mitbewohners weiß. Das ist ja jetzt höchst interessant :D
      Öfter gemeinsam im Skatepark gewesen?

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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