4. Juni 2017

Schmöker: Ein Abend mit Philipp Winkler und ‚Hool‘ im Kohi“

Foto: Kat Kaufmann

„Hauptsache es gibt Backenfutter“

Es geht Schlag auf Schlag, die Spannung ist sofort da. Adrenalin, Dynamik und Spannung. „Hool“ beginnt furios und verliert auf den folgenden 300 Seiten keineswegs Kraft. Der Debütroman von Philipp Winkler hat mich umgehauen, an mehreren Stellen saß ich beim Lesen einfach nur auf meinem Bett und war erschüttert – von Heiko, seinem Leben und seiner Wahl-Familie, den Hooligans aus Hannover. „Hool“ ist ein tieftrauriges Buch, das mich berührt, gefesselt und vor allem sprachlich sehr beeindruckt hat.

Wie viel in „Hool“ ist wahr, was Fiktion? Sechs Monate hat Philipp Winkler für seinen Debütroman in der Hooligan-Szene recherchiert. Er tauchte darin ab und sammelte Material. Als er vor einigen Wochen im Kohi in Karlsruhe eine Lesung gibt, wirkt er zurückhaltend, in sich gekehrt. „Insgesamt vier Jahre habe ich an ,Hool‘ geschrieben“, erzählt der Autor, der unter anderem Literarisches Schreiben in Hildesheim studiert hat. Die Arbeit hat sich ausbezahlt, er landete mit seinem Debüt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und bekam den Aspekte-Preis.

Das Leben kann ein Arsch sein

Sein Protagonist Heiko ist Mitte 20. In seinem Leben ist so ziemlich alles schief gegangen: Die Mutter verlässt die Familie, der Vater sucht Ersatz in Thailand und hat ein immenses Alkoholproblem. Heiko zieht schon als Jugendlicher daheim aus, vergeigt das Abitur und verliebt sich in eine drogenabhängige Krankenschwester.

Puuuh.

Das könnte zuviel Drama sein. Aber Philipp Winkler erzählt die Geschichte langsam und mischt aktuelle Ereignisse mit Erinnerungen von Heiko, die immer weiter zurück in dessen Kindheit gehen. So setzt sich nach und nach ein facettenreiches Bild zusammen – und ich verstand beim Lesen plötzlich von ganz alleine, warum Heiko durch seinen Onkel in die Hool-Szene rutscht, dort Halt findet und woher all seine Wut kommt.

Wie ein Faustschlag

Philipp Winkler lässt Heiko im Hannover-Slang erzählen, vulgär und hart. Über den gesamten Roman fallen in kürzesten Abständen immer wieder Wörter wie „Fick dich“, „Fotze“, oder „Kackloch“. Den Sprachduktus passt er den Ereignissen an. Beim Aufeinandertreffen der Hooligans an einer Waldlichtung sitzt jeder Satz wie ein Faustschlag, Stakkato-Stil:

„Ein Kölner vor mir. ‚Ne Faust kommt mir entgegen. Ich nehm den Schwung mit. Tauche unterm Schlag durch. Werf mich gegen ihn. Er fällt nicht. Zu stabil, der Ficker. Ist am Prusten. (…) Ich kloppe ihm einen Schwinger direkt in seine Dreckfresse.“

Das Besondere an „Hool“ ist, dass es Philipp Winkler durch seine detailreichen Beschreibungen schafft, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Das hat an vielen Stellen tatsächlich poetischen Charakter. Besonders wenn Heiko von Yvonne, seiner Ex-Freundin, erzählt, verändert sich die harte Sprache, wird weicher, ohne dass sie an Authentizität verliert. Heiko sagt dann:

„Und ihre kleinen Glubscher, diese blaue Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. So scharf und gezielt, aber gleichzeitig sind die auch so offen und freischwebend.“

Crazy World

Auch die Erzählungen von seinem Zuhause bei Armin, einem Ex-Knacki, hauten mich um. Armin hat sich in illegale Tierkämpfe verstrickt. Das ist bestialisch und abartig. Unter anderem als sich herausstellt, dass neben Kampfhunden, die im Freien hausen, in einem Zimmer außerdem ein riesiger Bartgeier lebt und irgendwann noch ein Tiger auftaucht. Crazy World.

Beeindruckend

Drogen, Gewalt, Perspektivlosigkeit: Die Welt von Heiko ist dunkel, trist und kaputt. Trotz all des Pessimismus‘ war ich am Ende von „Hool“ traurig, dass der Roman vorbei ist. Ich tauchte dank Philipp Winklers Erzählweise so tief in das Geschehen ein, dass ich gerne weiter Heikos Leben verfolgt hätte. Ein beeindruckendes Debüt.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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