19. Juni 2017

Melodien: „Ein Nachmittag mit Nicolas Sturm“

Credit: Max Zerrahn

Angst!

Als sich die politische Situation in Deutschland vor drei Jahren zuspitzte, Pegida-Anhänger voller Wut und Hass durch die Straßen Leipzigs und Dresdens stapften, setzte sich Nicolas Sturm an seinen Schreibtisch und begann, Songtexte zu schreiben. Über eine verängstigte Gesellschaft, die sich trotz ihres Luxus‘ fürchtet, nicht aus Fehlern lernt, in ihrer Doppelmoral gefangen ist und sich ständig um sich selbst kreiselt. „Ich konnte nicht mehr schweigend zusehen“, erzählt er mir, als wir uns an einem sonnigen Nachmittag auf dem Werderplatz treffen. Zehn Songs landeten auf „Angst Angst Overkill“, einem Album geprägt von poppigem 80er-Jahre-Gitarrensound gepaart mit sprachlich ausgefeilten Texten. Zu hören sind sie am kommenden Freitag bei seinem Konzert im Kohi Kulturraum.

In bester Gesellschaft

Es war jedoch kein gradliniger Weg, bis das Album im Herbst vergangenen Jahres tatsächlich erschien. Bereits 2015 war „Angst Angst Overkill“ fertig eingespielt und gemastert, dann folgte die Hiobsbotschaft: „Mein Hamburger Label Pias wollte es nicht mehr herausbringen“, erzählt er. Ein riesen Schlag. Unsicherheit und Ängste kamen auf. Was nun?

„Es war eine harte Zeit, es steckte soviel Arbeit und Aufwand in den Songs, das Album nicht zu veröffentlichen, kam nicht in Frage“, sagt Nicolas Sturm rückblickend. Aber wenn nicht bei Pias, wo dann? Er überlegte, sprach mit Freunden aus der Musikszene, schrieb Emails an Plattenfirmen – und hatte Glück. Gleich mehrere Labels bekundeten Interesse. Er entschied sich für „Staatsakt“ aus Berlin und das Management von Stefan Redelsteiner, der auch mit Wanda und Voodoo Jürgens zusammenarbeitet.

1980er!

Selbst wenn es kurz hart war: „Im Nachhinein hätte es nicht besser laufen können“, resümiert Nicolas Sturm. „Staatsakt“ passt perfekt zu seiner Musik, die auf „Angst, Angst Overkill“ nun eben politisch und stark von den Einflüssen der 1980er-Jahre geprägt ist. Kein Zufall. Auch damals herrschte eine große Unsicherheit in der Gesellschaft: Der Kalte Krieg, die latente Gefahr vor der Atombombe, Tschernobyl, der saure Regen – die Angst lähmte auch da die Menschen, wirkte sich auf ihr Denken und Handeln aus.

Reihenhaus-Mief, Aerobic-Dress und Pornobrillen: Besonders im Video zu „Im Land der Frühaufsteher“ griff Nicolas Sturm auch visuell intensiv in die Kiste der Trash- und Retroelemente der 1980er-Jahre. Am Ende erscheint im Abspann „1986“ zunächst als Produktionsjahr, verwandelt sich dann in „2016“. „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit so kleinen Details zu spielen“, sagt er.

Zurück an den Schreibtisch

Eine Tour mit Voodoo Jürgens, Trümmer, ein Auftritt mit den Sternen und Isolation Berlin – in den vergangenen Monaten war Nicolas Sturm viel unterwegs, spielte quer durchs Land seine Songs. „Es waren tolle Begegnungen und Erfahrungen“, fasst er zusammen. Insgesamt vier Jahre lagen zwischen seinem Debüt „Nicolas Sturm“, für dessen Songtexte er 2012 mit dem Udo-Lindenberg-Preis ausgzeichnet wurde, und „Angst Angst Overkill“. „So lange soll es nun nicht dauern, bis das dritte Album erscheint“, sagt er dann am Ende unseres Gesprächs. Es wird langsam Zeit, sich wieder an den Schreibtisch zu setzen.

Nicolas Sturm live:

Nicolas Sturm spielt mit seiner Band  am kommenden Freitag, 23. Juni, im Kohl, am 24. Juni in Reutlingen und am 25. Juni in Hamburg.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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