28. Februar 2013

Heimat: Ein Abend mit dem “Gott des Gemetzels” (BLB)

Und alles wegen zwei abgebrochenen Schneidezähnen. Annette und Alain Reille sind bei Véronique und Michel Houillé zu Besuch. Ihr Sohn Ferndinand ging mit dem Bambusstock auf deren Sohn Bruno los, Versichungersfragen müssen nun geklärt werden. Zivilisiert und ruhig beginnt das Gespräch. Doch die Fassade bröckelt. Ein Wort gibt das andere, die Situation eskaliert von Minute zu Minute mehr. Verbale Entgleisungen, ertränkte Handys und durch die Lüfte fliegende Tulpen – am Ende herrscht im Wohnzimmer der Houillés ein kriegsähnlicher Zustand. Von der Contenance der bürgerlichen Paare ist nichts mehr übrig.

“Der Gott des Gemetzels” hat derzeit Hochkonjunktur. Spätestens seit Roman Polanski das Theaterstück von Yasmina Reza mit Christoph Waltz und Jodie Foster verfilmte, ist es einem breiten Publikum bekannt. Seit Anfang Februar wird es nun auch an der Badischen Landesbühne in Bruchsal gezeigt. Zuviel des Guten? Nein. Auch wer den Film bereits sah, kann 80 sehr kurzweilige Minuten erleben. Das liegt zum einen an den herrlichen Dialogen, die auch beim zweiten Mal hören keineswegs langweilen. Zum anderen aber auch daran, dass die Schauspieler die Charaktere auf den Punkt treffen. Da ist Wolf E. Ralfs als kühler Anwalt Alain, dessen Handy ständig klingelt. Er verschwendet von Beginn an wenig Mühe darauf, irgendeinen Schein zu wahren. Seine Frau Annette, gespielt von Evelyn Nagel, Vermögensberaterin, anfangs noch sehr beherrscht, verliert im Laufe des Stücks die Nerven, wirft ihrem Mann vor, sich weder für Kindererziehung noch fur Haushalt zu interessieren. Véronique Houillé (Cornelia Heilmann) wird gar hysterisch. Heult, schreit, lacht ohne Ende, ihr Mann Michel Houillé (Markus Hennes) hat dagegen eher den weichen Part, der in Verachtung umschlägt.

Mehr und mehr entpuppt sich das Stück als eine grausame Offenbarung. Das liegt mit an dem Rum, der getrunken wird. Zwischen den Paaren kommt Unverständnis auf, wüste Beschimpfungen folgen, die klar definierten Parteien lösen sich auf. Es ist ein Kampf jeder gegen jeden. Das ist spannend und wird von den Akteuren gut transpotiert. Es gelingt ihnen dabei, die Dynamik im Laufe des Stücks immer weiter zu steigern. Eine faire Streitkultur ist letztlich nicht mehr vorhanden. Alain glaubt an den Gott des Gemetzels: “Die Moral schreibt uns vor, unsere Triebe zu beherrschen, aber manchmal ist es besser, ihnen freien Lauf zu lassen.” Kurzum: Ein Ausflug nach Bruchsal ist lohnenswert.

Der Gott des Gemetzels ist unter anderem am
1., 2. und 10.+17. März an der Badischen Landesbühne in Bruchsal zu sehen. Am 3. März gastiert das Theater in der Stadthalle in Eppingen, am 21. März in Bretten in der Stadtparkhalle. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Termine unter http://www.dieblb.de/spielplan/termine_detail.php?sort=title&title=Der+Gott+des+Gemetzels

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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