6. Januar 2014

Flimmerkasten: “Blau ist eine warme Farbe”

 

Minutenlange Sexszenen, ein Ozean voller Tränen und ganz schön viel Gefühlschaos – selten habe ich einen Film gesehen, der mich emotional so berührte, wie „Blau ist eine warme Farbe“. Obwohl das Werk von Regisseur Abdellatif Kechiche drei Stunden lang ist, langweilte ich mich keine einzige Sekunde. Im Gegenteil: Es ist ein wunderbar einfühlsames und sensibles Werk, das der Tunesier auf die Leinwand zauberte. 179 Minuten voller Liebe, ganz ohne Kitsch. Einzig die zahlreichen und teilweise sehr langen intimen Szenen zwischen beiden Frauen hätten einen Ticken kürzer ausfallen dürfen.

Sie heult ständig Rotz und Wasser: Im Mittelpunkt von „Blau ist eine warme Farbe“ steht Adèle (Adèle Exarchopoulos). Sie geht zu Beginn des Filmes in die elfte Klasse, ist sehr gefühlsbetont und merkt schnell, dass sie mit Männern nicht die wahre Erfüllung findet. Eines Tages begegnet ihr auf der Straße Emma (Léa Seydoux). Adèle kann ihre Blicke nicht von der Kunststudentin mit den blauen Haaren lassen. Es dauert jedoch nur einen kurzen Moment, dann ist Emma wieder in der Menge verschwunden, in Adèles sehnsüchtigen Träumen taucht sie jedoch immer wieder auf.

Der Zufall will es, dass sie sich kurze Zeit später wieder in einer Bar treffen. Emma flirtet forsch mit der jüngeren und unsicheren Adèle, holt sie wenige Tage danach von der Schule ab. Es herrscht eine enorme körperliche Anziehungskraft zwischen den Frauen, die Adellatif Ketchiche im kleinsten Detail einfängt. Von der ersten Sekunde an fokussiert er ständig Adèles sinnlichen Mund, zeigt jeden Leberfleck, geht immer wieder ganz nah dran ans Geschehen. Es ist ein Genuss den Film anzuschauen, auch dank der unglaublichen Leistung der beiden Schauspielerinnen, die völlig in ihren Rollen aufgehen.

In „Blau ist eine warme Farbe“ wird wenig idealisiert, sondern sehr viel Realität gezeigt. Das hat mich an dem Film am meisten begeistert. So kann auch die große Leidenschaft nicht verhindern, dass nach einer Weile Probleme in der Beziehung auftreten. Adèle kommt aus einem bodenständigen Elternhaus. Ihre Liebe zu Emma verschweigt sie. Die Kunststudentin dagegen wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Ihre Homosexualität lebt sie offen aus und bringt Adèle zum Abendessen mit nach Hause. Austern gibt es an diesem Abend, eine Herausforderung für Adèle, die ansonsten fast ausnahmslos nur Spaghetti Bolognese isst.

Auch liegt eine intellektuelle Kluft zwischen den beiden jungen Frauen. Das wird nach einem Zeitsprung deutlich. Emma feiert mit Kommilitonen ihr bestandenes Diplom mit einer Gartenparty. Adèle, inzwischen Grundschullehrerin, hat für alle gekocht, fühlt sich aber fehl am Platz. Bei Gesprächen über Künstler wie Egon Schiele kann sie nicht mithalten, fühlt sich fremd und alleine. Auch Emmas Wunsch, Kurzgeschichten zu veröffentlichen, kann und mag sie nicht erfüllen. Das Scheitern ist kaum noch aufzuhalten, worunter vor allem Adèle fürchterlich leidet. Das tut weh, mitanschauen zu müssen.

„La Vie d’Adèle“ lautet der Originaltitel und passt so viel besser zu dem Film als die deutsche Wahl „Blau ist eine warme Farbe”. Ursprünglich liegt der Geschichte ein Comic von Julie Maroh zugrunde. Zahlreiche Preise gewann der Film bei den Filmfestspielen in Cannes. Verdient. Selten ist Kino so wunderbar.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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