24. Januar 2014

Flimmerkasten: “Hannas Reise”

Sie ist oberflächlich, berechnend und absolut kein sozialer Mensch: Hanna (Karoline Schuch) studiert BWL und lebt mit ihrem Freund in der typischen Kapitalisten-Welt. Höher, schneller, weiter. Wie komme ich nach der Uni schnell zu einem prestigeträchtigen und lukrativen Job? Diese Frage treibt Hanna um. So flunkert sie in einem Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmungsberatung – gibt vor, in den Semesterferien nach Isarel fliegen zu wollen, um sich dort um behinderte Juden zu kümmern. Der Sozialbonus ist ihr damit sicher. Perfekt, denkt sie.

Fest geht Hanna davon aus, dass ihre Mutter (Suzanne von Borsody), die für den Friedensdienst solche Reisen vermittelt, ihr ein entsprechendes Zertifikat fälscht. Doch die sozial engagierte Frau denkt gar nicht daran, ihrer Tochter diesen Gefallen zu tun. So bleibt der Studentin nichts anderes übrig, als sich tatsächlich in den Flieger nach Tel Aviv zu setzen. Es wird eine Reise, die die junge Frau verändert.

Der Plot von „Hannas Reise“ ist ziemlich einfach gestrickt und vorhersehbar. Große Überraschungen gibt es keine. Eine kitschige Liebesgeschichte: natürlich vorhanden. Trotzdem ging mir das Werk von Regisseurin Julia von Heinz sehr ans Herzen. Selten hat es ein deutscher Film auf solch eine nette Art geschafft, die komplizierte und schwierige Situation zwischen Deutschen und Juden leicht, aber trotzdem nicht pietätlos darzustellen. Die Schuldfrage wird immer wieder angeschnitten – subtil und mit viel Humor.

Julia von Heinz trifft bei ihren Figuren und Dialogen genau den Kern der Lebenswelt unserer Generation. Viele Sorgen und Ansichten sind nachvollziehbar. Allein die WG, in der Hanna in Tel Aviv unterkommt, ist wunderbar komisch. Da kommen Erinnerungen an die eigenen verqueren Wohnformen auf – an kaputte Waschmaschinen, nicht funktionierende Boiler, Maden an den Decken, nicht eingehaltene Putzpläne und alles andere, was Studenten-WGs sonst noch mit sich bringen.

Auch wenn Hannas Verwandlung zum sozialen Wesen vorhersehbar ist, macht es trotzdem viel Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie langsam mit den behinderten jüdischen Menschen vertraut wird, und beim Gespräch mit Opfern des Holocaust begreift, dass die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft ist.

Schön wird in dem Film außerdem der Kontrast zwischen Berlin und Tel Aviv dargestellt, viele Bilder machen Lust darauf, selbst in das Flugzeug zu steigen und nach Israel zu fliegen. Am Ende von „Hannas Reise“ saß ich selig in meinem Kinosessel. Auch wegen des doch sehr nett anzuschauenden Sozialarbeiters Itay (Doron Amit).

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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