29. Januar 2014

Schmöker: “Er ist wieder da” von Timur Vermes

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Wenn es um Adolf Hitler geht, verstehe ich keinen Spaß. Auch über ihn lachen mag ich nicht. Sehr irritiert war ich deshalb, als ich vor einiger Zeit in der Buchhandlung an „Er ist wieder da“ vorbeikam. Auf dem weißen Buchcover ist die Frisur des Tyrannen nachgezeichnet. Lustige Unterhaltung und Hitler – das geht bei mir nicht überein. Auch die Switch-reloaded-Filmchen finde ich daneben.

Damit bin ich aber wohl eher eine Ausnahme, die literarische Politiksatire stand wochenlang auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste. Eigentlich hatte ich gar kein Interesse daran, mich mit diesem Buch näher auseinanderzusetzen. Aber dann legte es mir mein Arbeitskollege vor wenigen Wochen auf den Schreibtisch – und ich begann zu lesen.

Auch während des Lesens ließ mich keine Sekunde das fahle Gefühl los, dass es nicht richtig ist, was da passiert. Klar, es ist eine Satire. Timur Vermes hat keineswegs die Intention, Adolf Hitler zu verherrlichen, im Gegenteil. Der Autor verdeutlicht auf subitle Weise immer wieder, wie krank die Gedankengänge des Diktators waren und wie schnell wohl viele Bürger auch heute wieder auf den plumpen Populismus anspringen würden. Trotzdem finde ich unmöglich, dass ausgerechnet Hitler in eine Zeitmaschine von 1945 in das Jahr 2011 gesetzt wurde. Hätte es nicht eine andere historische Figur gegeben, mit der das Konzept funktioniert – auch wenn es dann in Sachen Marketing schwieriger gewesen wäre?! Ich hätte es sehr begrüßt.

Denn das Konzept, der Schreibstil und die einzelnen Geschichten in „Er ist wieder da“ sind sehr lustig, kurzweilig und vor allem bitterböse. Hitler erwacht im Jahr 2011 in Berlin und weiß erst nicht, wie ihm geschieht. Gedanklich ist er in seinem Führerbunker hängengeblieben, die neue technologisierte Welt irritiert ihn. Internet, Handys, Farbfernseher – all das ist neu für Adolf Hitler.

Er wundert sich über die Aufmachung der Bildzeitung (extra große Buchstaben, damit sie wohl auch Senioren lesen können), über das skurrile Fernsehprogramm, in dem arbeitslose „Menndis“ auftauchen und reihenweise Köche sowie Gärtner über den Bildschirm flimmern. Auch aus dem Radio dröhnt nur Krach.

Bei einem Gang durch die Stadt fragt sich der Tyrann, wie Herr Starbuck gleichzeitig so viele Cafès führen kann. Seine Stirn runzelt sich, als er feststellt, dass türkische Mitbürger verstärkt im Reinigungsgeschäft tätig sind, Fremdlinge, die mittelständische Betriebe führen – das geht doch eigentlich gar nicht.

Mithilfe eines Kioskbesitzers findet er sich dann aber langsam in der Hauptstadt zurecht. Er lernt Fernsehproduzenten kennen, die in ihm den perfekten Hitler-Imitator sehen. Innerhalb kürzester Zeit läuft seine Fernsehkarriere wie am Schnürchen.

Dieses Medienspektakel von Adolf Hitler im Jahr 2011 hat Timur Vermes konsequent bis ins kleinste Detail durchdacht. Das ist klug und lustig. Zeitungsaufschnitte kritisieren den vermeintlichen Imitator, auf Youtube werden seine Videos zigfach angeklickt. Seine Sekretärin muss plötzlich mit einem Shitstorm klarkommen. Und so manch künstliche Dame auf dem Oktoberfest setzt sich gerne für PR-Zwecke auf seinen Schoß.

„Er ist wieder da“ ist bis zum letzten Satz ein sehr unterhaltsames und sehr gut zu lesendes Buch, das auch aufrüttelt. Nur sollte Hitler meiner Empfindung nach eben in keinem anderen Kontext als dem geschichtlichen auftauchen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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