2. März 2014

Schmöker: “Katzentisch” von Michael Ondaatje

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Es ist eine Reise voller Abenteuer: Der elfjährige Michael fährt mit dem Dampfer „Oronsay“ von Sri Lanka nach England – ganz alleine. Nur seine entfernte Cousine Emily ist zufällig mit an Bord. In London soll ihn am Hafen seine Mutter empfangen. Seit vielen Jahren hat der Junge sie nicht mehr gesehen. 21 Tage auf dem Ozean gilt es bis dahin zu überwinden. Drei Wochen voller interessanter Begegnungen und kuriosen Erlebnissen, die Michael für immer im Gedächtnis bleiben.

„Katzentisch“ von Michael Ondaatje wurde mir von einer ehemaligen Arbeitskollegin ans Herz gelegt. Wunderbar soll der Roman sein, meinte sie. Und in der Tat, auf den rund 300 Seiten sind so unglaubliche viele schöne Wörter und Sätze, dass ich aus dem Staunen ob der Fantasie und Hingabe von Ondaatje nicht mehr herauskam. Es ist eine Wohltat, jede einzelne Seite zu lesen und in die bunte Welt auf dem Dampfer einzutauchen.

Ein globales Dorf auf dem Wasser: Auf der „Oronsay“ sind 600 Reisende aus den verschiedensten Ländern und den unterschiedlichsten Schichten. Ein krimineller Baron ist darunter, ein an Ketten gefesselter Gefangener sowie ein todkranker Millionär. Michael sitzt ein wenig abseits von der Luxusklasse am sogenannten Katzentisch, beobachtet das Treiben auf dem Dampfer ganz genau. Gesellschaft leisten ihm die beiden Jungs Cassius und Ramadhin. Mit ihnen freundet er sich schnell an und schließt den Pakt, jeden Tag eine verbotene Tat zu begehen. Das führt zu spannenden und gefährlichen Erlebnissen.

Mit am Tisch sitzt Perinetta Lasqueti, die den „Zauberberg“ von Thomas Mann immer bei sich trägt, daraus aber nie liest, schlechte Kriminalromane über Bord wirft und Tauben in den Taschen ihres Jacketts spazieren führt. Sie ist verliebt in den Pianisten Mr. Mazappa. Er beeindruckt mit seinen Liedern und Geschichten nicht nur die Dame, sondern auch die drei Jungs nachhaltig. Und außerdem gibt es noch Larry Daniels, einen Botaniker, der in Michaels Cousine Emily verliebt ist und den Heranwachsenden exotische Alkoholika an der Bar des Schwimmbeckens kauft.

Der Roman ist wie ein kleines Puzzle. Michael Ondaatje stellt in kurzen Kapiteln einzelne Personen und Schiffsräume vor – stets aus der Sicht des elfjährigen Protagonisten. Es gibt außerdem Zeitsprünge in die Zukunft. Diese handeln davon, was sich viele Jahre nach der Schiffsreise in den Leben der einzelnen Personen ereignete. Nach und nach entwickelt sich dadurch ein Gesamtbild, das verdeutlicht, dass das Schicksal es nicht immer gut meint mit den Menschen meint.

„Katzentisch“ ist ein unglaublich beeindruckendes Buch und wird am Ende sogar spannend. Gleichwohl: Ich brauchte verhältnismäßig lange für die rund 300 Seiten. Woran es genau lag, das weiß ich selbst nicht genau. Das Gefühl, vorankommen zu wollen, stellte sich trotz der schönen Sprache und des ausgefeilten Plots nie ein. Selbst in meinem Urlaub kam es vor, dass ich statt des Buchs lieber mehrere Tage hintereinander nur Zeitungen und Magazine las. So musste ich aber immer wieder nachschlagen, wer denn nun wieder welche Person ist und was genau auf den vorangegangenen Seiten passierte – das nervte irgendwann sehr und nahm mir den Spaß an dem Roman. Das letzte Drittel las ich vergangene Woche dann konsequent an einem Abend durch, tauchte so wieder total in die Geschichte ein und war am Ende versöhnt.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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