14. Juni 2014

Flimmerkasten: “Boyhood”

Verträumt liegt der kleine Mason ganz zu Beginn von „Boyhood“ im Gras. Er schaut nach oben, Richtung Himmel, so lange, bis ihn seine Mutter holt, ihn ins Auto setzt und mit ihm nach Hause fährt. Mason ist zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt. Eine kleine Stupsnase ziert sein Gesicht, seine braunen Haare fallen ihm ins Gesicht, sensibel ist er und seine Schwester nervt ihn mit Britney Spears-Liedern ganz gewaltig. Am Ende des Films ist aus dem kleinen Junge ein 18-Jähriger mit kantigem Gesicht geworden – sein Herz schlägt für die Fotografie. Und wie das Leben spielt, das versteht er nicht so ganz. Vor allem wenn es um Mädchen geht.

Ein filmisches Familienalbum: Zwölf Jahre begleitete Regisseur Richard Linklater Mason (Ellar Coltrane) beim Erwachsenwerden. Die Trennung seiner Eltern, der erste Kuss, der erste Joint, Liebeskummer. Es ist ein wunderbarer Film geworden. Die knapp drei Stunden verflogen wie von Zauberhand. Wehmut überkam mich gar am Ende, Mason und seine Familie waren mir so sehr ans Herz gewachsen. Ich litt mit ihnen in schweren Zeiten, hoffte mit ihnen, bangte und freute mich, als es wieder bergauf ging. „Boyhood“ ist klug, leise, laut, lustig, aber auch traurig. Und vor allem: authentisch.

Es sind besonders die Dialoge, die so aus dem Leben gegriffen sind. Nicht zu trivial, nicht zu abstrakt. Sie sind realitätsnah und mit so viel Wärme ausgestattet. Richard Linklater schafft es, die Höhen und Tiefen des Lebens ohne zu viel Pathos darzustellen. Erschütternd sind die Szenen, in denen Masons Mutter Olivia (Patricia Arquette) nach der Trennung von Mason Senior gleich an zwei alkoholkranke und gewalttätige Männer gerät. Im Leben geht es aber immer wieder bergauf – das zeigt Richard Linklater auch.

Alle Akteure altern in „Boyhood“ real, es gab 39 Drehtage in elf Jahren. Es ist unwahrscheinlich spannend, der Verwandlung von Mason und seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) zuzusehen. Der Film ist außerdem gespickt mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen aus den jeweiligen Jahren. Der 11. September, der Irakkrieg, der Wahlkampf von Barack Obama, die hohe Schwangerschaftsquote bei Teenagern in den USA, die NSA.

Damit noch nicht genug: Auch der Soundtrack ist auf die einzelnen Jahre abgestimmt. Die erste Szene mit dem im Gras liegenden Mason begleiten Coldplay mit „Yellow“. Am Ende des Films fährt Mason mit seinem Auto in Richtung Collage davon. „Hero“ von Family oft the Year erklingt dazu. Es passt einfach alles. Hach, ich bin verliebt in diesen einfach nur perfekten und wundervollen Film.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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