8. März 2015

Heimat: “Schatten (Eurydike sagt)”

Ein Stück von Elfriede Jelinek

Ganz in Schwarz gekleidet steht sie am Mikrofon, einzig der Nietengürtel um ihre Hüften blitzt. Mit tiefer Stimme und voller Inbrunst beginnt sie dann, Aerosmiths „I don’t wanna miss a thing“ ins Mikrofon zu krächzen. Es ist ein fulminanter Auftritt, den Florentine Krafft als Orpheus in „Schatten (Eurydike sagt)“ gibt. Das sehr mitreißende und facettenreiche Stück von Elfriede Jelinek ist derzeit am Badischen Staatstheater zu sehen.

Fünf verschiedene Perspektiven

Florentine Krafft schlüpft auf der Bühne nur kurz in die Rolle von Orpheus. Primär verkörpert sie Eurydike, die nach einem Schlangenbiss auf dem Weg in die Unterwelt ist. Nur schwer kann sie sich von Orpheus lösen, dem Sänger, den sie so liebte und der ihr Leben stark bestimmte. Doch nun muss sie Abschied nehmen. Auf ihrer Reise in die Schattenwelt setzt sie sich mit den Dingen auseinander, die ihr Leben prägten. Florentine Krafft zeigt dabei nur eine Facette von Eurydike. In der Inszenierung von Jan Philipp Gloger ist der eigentlich monologisch konzipierte Text von Elfriede Jelinek auf fünf verschiedene Schauspielerinnen verteilt – unterschiedlichen Alters und Aussehens.

Eitelkeiten und Oberflächlichkeiten

Die Mode spielt zu Beginn eine elementare Rolle. Ein sehr inniges Verhältnis hatte Eurydike zu ihren Kleidern, gaben sie ihr stets das Gefühl, jemand anderes zu sein. Ihre innere Leere und Unsicherheit vertuschte sie damit. Unzählige Lagen wickelt sie nun auf der Bühne über sich, nicht trennen mag sie sich von den edlen Teilen. Nur noch schwarzer Stoff steht am Ende da. In einem massiven Kleiderschrank wird Eurydike von der Bühne getragen.

Depression und fehlender Selbstwert

Von großen Ängsten war Eurydikes Leben außerdem bestimmt. Unter Depressionen litt sie. In ihrem Schlafzimmer lässt sie einen Einblick zu, in das unglückliche Leben einer Muse, die ihre Gefühlswelt vom Handeln des Sängers abhängig machte. Eine eigene Identität besitzt sie nicht. Eurydike packt deshalb nach dem Schlangenbiss in aller Ruhe ihre Dinge zusammen und macht sich auf die Reise. Auch als Nymphe nimmt sie ohne allzu viel Wehmut Abschied vom Leben. Schließlich bestand ihre Hauptaufgabe darin, den Sänger anzuhimmeln. Keine erfüllende Aufgabe.

Hasstirade auf Groupies

Für einen großen Knall sorgt Annette Büschelberger auf der Bühne. Sie wettert gegen die Groupies, die sich Orpheus an den Hals werfen. Sie redet sich in Rage gegen junge Mädels voller Gier. Ihr Monolog ist eine Tirade gegen die Oberflächlichkeit – doch auch Eurydike zeigt sich hier voller Neid, Missgunst und Hass. Eindrucksvoll. Nach einem faszinierenden Schattenspiel findet sie endlich Ruhe.

Ein Stück, das lange nachwirkt

Es ist die Vielseitigkeit der fünf Monologe, die das Schauspiel so packend machen. Wünsche, Ängste und Bedürfnisse auch heutiger Frauen werden auf ganz unterschiedliche Weise artikuliert, treffsicher, genau auf den Punkt. Kombiniert mit einer Video-Persiflage auf den Wahnsinn der Casting-Shows und dem lebendigen Schattenspiel entsteht ein Stück, das lange nachwirkt.

Infos und weitere Termine: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/1941/

(Visited 144 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam