18. März 2015

Flimmerkasten: “Willkommen auf Deutsch”

Nicht einmal einen Bäcker gibt es in dem 450-Seelenkaff Appel (Niedersachsen). Doch nun sollen 53 Flüchtlinge im ehemaligen Alten- und Pflegeheim untergebracht werden. Eine mittlere Katastrophe – zumindest für die Bürgerinitiative Appel, die ernsthaft um den Dorffrieden besorgt ist. Etwas muss geschehen. Der Anführer der Bürgerinitiative, Horst Prahm, gibt alles. Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ zeigt, wie die deutsche Mittelschicht mit dem Flüchtlingsproblem umgeht. Am Montag war der Film in der „Kurbel“ zu sehen, ein interessantes Publikumsgespräch folgte.

Ein differenziertes Bild

Die Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler haben 2013 fast ein Jahr lang Flüchtlinge, Anwohner und Behördenmitarbeiter im Landkreis Harburg begleitet. Christian Rau hatte durch einen Zeitungsartikel in der lokalen Presse zufällig von dem Problem in Appel erfahren. In den etwa 90 Minuten werden ganz unterschiedliche Perspektiven gezeigt: Die Zwänge des Landkreises, der tolle Einsatz von Ehrenamtlichen, aber auch die oft so irrationalen Ängste der Einwohner – vor dem Fremden und der Vorstellung, dass die jungen, alleinstehenden Männer die Töchter auf der Straße vergewaltigen könnten. „Wir können nicht die Anlaufstelle für ganz Afrika sein”, heißt es da. Aussagen zum Haareraufen.

Flucht ins Ungewisse

Treffend fasst ein Landkreis-Mitarbeiter die Situation zu den Asylsuchenden aus dem Balkan und Afrika zusammen: „Statt von Wirtschafts- sollten wir vielmehr von Armutsflüchtlingen sprechen.“ Die Menschen lebten in ihren Ländern in oft elendigen Bedingungen, lassen bei ihrer Flucht alles zurück: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Heimat. Die Hoffnung nach einem besseren Leben treibt sie an.

Erinnerung an das Marienkloster

Der Fall in Appel erinnert mich sehr an den Fall in Obersasbach im Ortenaukreis. Dort sollten 2012 in einem ehemaligen Kloster ebenfalls zahlreiche Flüchtlinge untergebracht werden. Die Entrüstung war riesig. So riesig, dass es letztlich verhindert werden konnte. Ich schrieb damals für BNN über diesen Fall und konnte es nicht fassen, dass sogar die Caritas mehr besorgt um die Rentabilität ihres Pflegeheims in unmittelbarer Nähe war, als um heimatlose Flüchtlinge.

Traumatisiert in Deutschland

“Willkommen auf Deutsch” zeigt außerdem die Situation von Larisa und ihrer Familie. Besonders die Mutter erlebte in Tschetschenien schlimme Dinge. Mit ihren insgesamt sechs Kindern flieht sie nach Tespe, einem weiteren kleinen Ort in Niedersachsen. Dort bricht sie nach Vorwürfen der Einwohner bei einer Bürgerversammlung zusammen – sie ist psychisch am Ende, muss sieben Monate in die Klinik. Die älteste Tochter kümmert sich um die fünf kleinen Brüder. Übernimmt sich dabei, muss selbst ins Krankenhaus. Durch den großen Einsatz von zwei ehrenamtlichen Damen kann aber das absolute Chaos in Tespe verhindert werden. Die Seniorinnen passen auf die fünf Jungs auf, schlafen sogar bei ihnen.

Ehrenamtliche gesucht

Ausgeblendet wird in dem Dokumentarfilm, wie es den Flüchtlingen in Massenunterkünften geht. Vielmehr sind eher privilegierte Wohnformen zu sehen – wie in einer alten Sparkasse. Gleichwohl spiegelt er eine realistische Sichtweise der Gedanken und Ängste vieler Deutscher wider. Fremden wird zunächst mit Skepsis begegnet. Das Schlimmste erwartet. Beim Publikumsgespräch in der „Kurbel“ betonten Flüchtlingshelfer, wie wichtig der Einsatz von Ehrenamtlichen ist. Sei es, um mit Kindern zu basteln, mit Jungs Fußball zu spielen oder Deutsch zu lernen. Mit nur wenig Aufwand bekommen die oftmals traumatisierten Menschen auf diesem Weg ein wenig Struktur im Alltag – für viele eine dankbare Abwechslung aus dem tristen Alltag.

Auf der Homepage www.fluechtlingshilfe-karlsruhe.de gibt es weitere Informationen.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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