13. September 2015

Heimat: “Ein Nachmittag in der Notunterkunft ,Kriegsstraße 200′”

Anhang 2-3

Eine bereichernde Erfahrung

Wir werden herzlich empfangen. Kaum haben wir die Notunterkunft für Flüchtlinge in der Kriegsstraße 200 betreten, wirft sich ein kleines Mädchen mir in die Arme. Eine Schramme ziert ihre kleine Nase, ihre Augen leuchten. „Hallo, hallo”, sagt sie immer wieder zu meiner Freundin Jette und mir. Ihre Freude über unseren Besuch ist groß.

Anlass für unser Kommen ist die Kinderbetreuung am Sonntagnachmittag. In eine Doodle-Liste haben wir uns dafür im Vorfeld eingetragen. Unseren Personalausweis müssen wir zunächst am Eingang der Security zeigen, dann sind wir mittendrin. 

Ein Ort für Menschen aus verschiedenen Nationen

Bis zu 640 Menschen finden in der “Kriegsstraße 200” Platz. Darunter sind vorrangig Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Mazedonien, Serbien oder auch verschiedenen afrikanischen Ländern, sagen mir die Organisatoren. Im großen Hof der Unterkunft wuseln zahlreiche Kinder verschiedener Nationen umher – mit Rollern, Fußbällen und Wasserpistolen ausgestattet. An den Hausmauern drumherum sitzen die Erwachsenen an die Mauer gelehnt, unterhalten sich oder beobachten das Geschehen.

Nur wenige hundert Meter ist die Unterkunft von meiner Wohnung entfernt. Ich sehe einen Mann wieder, der mir gestern auf der Straße begegnete und mich nach dem Weg zur Unterkunft fragte. Er nickt mir freundlich zu. Viel Energie habe ich in den vergangenen Monaten in Diskussionen rund um Flüchtlinge gesteckt. Mir wurde viel vorgeworfen. Ich sei zu naiv, sehe die Gefahren nicht, sei zu emotional. Aber ich kann einfach nicht anders. Die Migration ist da. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Menschen, die hier ankommen, zu begegnen: mit Misstrauen und Abneigung oder mit Freundlichkeit und Offenheit. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Anhang 3-2

Es braucht nicht vieler Worte

Wir tragen an diesem Nachmittag Puzzles, Memories, Malstifte und eine Slackline nach draußen. Das Mädchen, das uns so herzlich begrüsste, steht plötzlich wieder bei uns und folgt uns zu den Bierbänken, wo wir die Sachen verteilen. Es dauert keine fünf Minuten und wir sind von Kindern umgeben. Verbal kommunizieren können wir nicht – aber manchmal braucht es auch nicht vieler Worte. Unsere Spiele funktionieren auch so.

Mein bester Freund an diesem Nachmittag wird Hasan. Ein kleiner Junge mit einer Brille und gestreiftem Oberteil. Beim Memoriespielen habe ich keine Chancen gegen ihn. Er kann sich soviel besser merken, wo die passenden Kärtchen liegen – und bringt Äpfel, Geister und Schmetterlinge schnell zusammen. Nach drei Runden und einem Dschungelbuch-Puzzle gehen wir zum Malen über. Kisten voller Farbstifte stehen zur Auswahl. Hasan nimmt sich eine Spiderman-Vorlage und füllt die weißen Flächen mit Rot und Blau. Auch ein bisschen Grün ist dabei.

Anhang 1-7

Zusammenhalten statt einander ängstigen

Als ich einmal aufblicke und zu einem Gebäude schaue, sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch, die traurig aus dem Fenster schaut, ihr Blick scheint leer. Meinem ersten Impuls, wieder wegzuschauen, folge ich nicht, ich lächele sie an – und sie zurück. Ein Moment, der unendlich schön ist. Keiner weiß, wie die Flüchtlingsströme bewältigt werden sollen. Das kann Angst machen. Auch weil schwarze Schafe dabei sind. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wenn wir alle zusammenhalten und uns nicht gegenseitig bekämpfen, dieser Wandel auch Chancen bieten kann. Der heutige Nachmittag in der Unterkunft hat mich in meinem Denken nur noch weiter bestärkt.

 

2 thoughts on “Heimat: “Ein Nachmittag in der Notunterkunft ,Kriegsstraße 200′”

  1. Madeleine Braunagel sagt:

    Liebe Miriam,
    durch meine Tochter wurde ich auf Deinen Blog-Bericht aufmerksam. Er hat mich so sehr berührt und begeistert, dass ich nun ein Zeitfenster finden will, um es Dir gleich zu tun. Als Clown war ich schon mehrmals (ehrenamtlich) in Flüchtlingseinrichtungen unterwegs – es war soooo wunderbar, dass ich mich nächste Woche mit der Kriegsstraße 200 in Verbindung setzen werde.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude bei Deinen weiteren Besuchen bei den Flüchtlingen.

    Madeleine Braunagel

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Liebe Madeleine,

      schön, das freut mich sehr. Ich wünsche Dir ganz viel Freude, ich bin am 2. Oktober auch wieder dort!

      Herzliche Grüße

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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