30. Oktober 2015

Kurioses: “Das Geräusch”

geraeusch

Unruhe im Schlafzimmer

Plötzlich war es da. In einer lauen Sommernacht erwachte ich und hörte dieses diffuse Geräusch. Es hörte sich an wie ein Schrei. Eindringlich und laut. Es war ein wenig wie in diesen schlechten Filmen. Erst ist es stockdunkel, dann erfolgt ein Schrei. Dann ist jemand tot. Als in meinen Schlafzimmerfenster dazu noch das Knattern einer Vespa ertönte, wusste ich: Es ist 4 Uhr.

Immer um diese Uhrzeit kommt nämlich mein Zeitungsausträger. Er fährt jede Nacht (bis auf Sonntag) durch die Straßen und wirft Zeitungen vor die Haustüren. Er stoppt dazu ganz kurz und fährt dann mit einigem Wumms weiter. Ich stelle ihn mir mit Kippe im Mundwinkel vor, leicht strähnigen Haaren und so Mitte 50. Die eine Hand immer an der Bremse, in der anderen ein Zeitungsbündel. Kaum ist er weg, kommt gegen 5 Uhr der große, weiße Lastwagen mit den Lebensmitteln für den türkischen Supermarkt – er lädt ziemlich lange direkt unter meinem Fenster aus. Wenn ich schlaflose Nächte habe, kann ich zusehen, wie Tomaten und Zitronen ins Lager rollen. Wer nachts Langeweile hat, kann sich gerne in meine Straße stellen, dort wird immer etwas geboten.

Es ist zurück

Zurück zu diesem Geräusch. Eine Ausnahme, nichts Besonderes, schnell wieder einschlafen. Meine Selbstberuhigungstaktik funkionierte, noch. Dann war Samstag. Ich hatte Besuch von einer Uni-Freundin, die damals noch in Heidelberg wohnte. Sie übernachtete bei mir. Als wir uns ins Bett legten, ahnten wir nicht, dass wir nur wenige Stunden später wieder senkrecht darin sitzen würden. Denn da war es wieder, das Geräusch. Eindringlich, laut, irritierend.

Wieso, weshalb, warum? Wir machten uns an die Analyse. Unser erstes Fazit: Es  waren  fast schon animalische Geräusche einer Frau, die  durch „Oh Gott!“ unterbrochen wurden. Eine bestimmte Vermutung lag nahe. Doch das Geräusch dauerte in dieser Nacht lange an. Wer kann so etwas bitte über Stunden leisten? Meine Freundin wusste auch nicht weiter.

In der nächsten Nacht fing das Spektakel gegen 1 Uhr wieder an. Ich war alleine und es dauerte etwa drei Stunden. Ich drehte mich von einer Seite auf die nächste, hielt mir mit Kissen die Ohren zu. Machte Musik an. Nix half. Das Geräusch durchdrang alles. An Schlaf war nicht mehr zu denken. So ging ich in meinem Schlafanzug im Haus auf Wanderschaft. Wo nur ist dieser Störenfried? Der ganze Flur dröhnte danach. Ganz unten in der Wohnung wurde ich fündig. Es klang, als sei dort ein SM-Studio eingerichtet.

Viele entgleiste Gesichter

Das Ausmaß dieses Geräusches ist schwer zu glauben, wenn man es nicht selbst gehört hat. Ich machte deshalb Ton-Aufnahmen. Wenn ich sie vor anderen Menschen abspiele, kann ich in entgleiste Gesichter blicken. Resultat eines gewöhnlichen Geschlechtsverkehrs ist dieses Geräusch nicht.

An dem darauffolgenden Wochenende spitzte sich die Lage zu. Das Geräusch war nun auch tagsüber da. Hallo? Genug ist genug.  Äußerst mutig beschloss ich deshalb, die zwei Etagen nach unten zu wandern und persönlich zu klingeln. Als ich jedoch vor der Tür stand und aus der Wohnung „Beat It“ von Michael Jackson (Tatsache) erklang, überlegte ich es mir anders.

Komplex-Gefahr

Eine Lösung musste trotzdem her – und zwar schnell. Denn: Wie soll man bitte selbst Männerbesuch empfangen, wenn solch ein Geräusch durch das  ganze Haus schallt. Ich bastelte deshalb einen Papier-Aushang mit der Bitte um mehr Ruhe und weniger Schreie. Ich schrieb es extra ein wenig verschwurbelt, weil im Haus ja auch Kinder wohnen. Ich wollte sie nicht verderben. Leider kam diese Nachricht so nicht an. Das Geräusch ertönte weiter.

Ich war nach wenigen Wochen nervlich am Ende. Ich probiere es deshalb dann doch an der Wohnungstür mit Sturmklingeln. Niemand öffnete. Entnervt rief ich bei der Hausverwaltung an. Ich war nicht die Erste. Die nette Frau von der Hausverwaltung sagte: Es handelt sich wohl um ein inoffizielles Bordell. Das ganze Haus sei deshalb aufgefordert, die Polizei zu rufen, wenn das Geräusch wieder erklingt.

Einige Tage später kehrte Ruhe ein – ob die Polizei da war, ich weiß es nicht. Aber das Geräusch ist weg und die Frau noch da. Zurück bleiben mehrere Ton-Aufnahmen und die Erinnerung an ganz schön schräge Sommernächte.
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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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