5. November 2015

Kurioses: “Das Missverständnis”

978-3-8436-0380-5

Jenseits von Smartphone, Fernsehen und Internet: Seit geraumer Zeit bin ich Kulturlotsin am Badischen Staatstheater. Einmal im Monat unternehme ich etwas mit einem Mädchen, das 13 Jahre alt ist. Ein Alter, das nicht ganz so einfach ist. Ein Theaterbesuch steht da nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Ich versuche aber stets mein Bestes. Wir haben uns schon “Tschick” angeschaut und “Fucking Amal”, ein Stück über zwei schwedische Mädchen, die ineinander verliebt sind. Erst wird schräg gesungen, dann geknutscht. Der ganze Saal war voll mit Pubertierenden. Meiner 13-jährigen Begleitung hat es gefallen. Ich freute mich danach über frische Luft. Wir standen auch mal zusammen bei einer Kochshow in der “Insel” auf der Bühne und zauberten ein Überraschungsmenü für eine Jury. Das war ein wenig experimentell. Es lief nicht alles ganz nach Plan. Der Couscous war schuld. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun soll es am Sonntag eine Oper sein. Ich muss gestehen: In diesem Gebiet bin ich keine Expertin. Lotsen wird da schwierig. Aber es ist ein Tipp der Projektleiterin. Ich schaute im Internet nach und nahm wahr: Dauer 4,2 Stunden. Das ist lange. Ich schrieb dem Mädchen und seiner Mutter – mit dezentem Verweis auf Beginn und Ende. Das schreckte sie nicht ab. Okay. Dann eben 4,2 Stunden Oper. Wahrscheinlich steckt das Mädchen das besser weg als ich.

Gefährliches Halbwissen

Ich erzählte einer Arbeitskollegin davon. “Ach, ,Der Prophet’”, sagte sie. Über das kleine Büchlein von Khalil Gibran? Bestimmt, sagte ich. Sie habe es zuhause, könne es mir geben. Gerne, sagte ich. Vorbereitung ist ja wichtig.

Am Mittwoch überreichte sie es mir. Viel steht darin wahrlich nicht geschrieben. Aber manchmal steckt ja in der Kürze die Würze. Ich begann an meinem Feierabend zu lesen. Es geht um den Propheten Almustafa, der auf ein Schiff wartet. Vor seiner Abreise bitten ihn die Einwohner um Antworten auf ganz elementare Fragen. Also wie es sich mit Freud und Leid verhält, wie es um den Sinn der Arbeit steht und ob es eigentlich verwerflich ist, andere Lebewesen zu essen. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich zwei Drittel des Buches gelesen, das ist keine Kunst, es ist wirklich nicht dick.

Ich schrieb daraufhin der Projektleiterin eine Nachricht. Dass mir das Buch, das sowas wie die Bibel der Hippies ist, gefiele und ich mich auf Sonntag freue. Auch meinen Freundinnen schickte ich begeistert Auszüge von einzelnen Kapiteln. Ich war wirklich Fan. Dann kam mir aber der Gedanke, wie der Regisseur der Oper tatsächlich vier Stunden aus dem kleinen Büchlein zaubert. Mein Kopfkino setzte ein: Ich sah singende Menschen am Ufer stehen, die minutenlang einen Refrain wiederholen. Ich überlegte mir Geschichten, wie man beispielsweise das Thema Leid und Freude anhand einer Liebesgeschichte exemplarisch darstellen, und den umstrittenen Fleischverzehr anhand einer überfüllten Schweinefarm stigmatisieren könnte. Ja, so könnte das was werden, dachte ich mir.

Irritation!

Warum nicht einfach mal schauen, was die Presse schreibt, kam mir dann kurze Zeit später. Ich machte meinen Laptop an und begann zu lesen. Irritation kam auf. Da waren andere Namen. Jean und Berthe. Kein Almustafa. Aber nun gut, dachte ich. Eine sehr freie Interpretation eben. Multikulturell. Ist ja modern. Aber von Kritik zu Kritik wurde ich verwirrter. Das muss eine wirklich sehr freie Interpretation sein. Ich wusste nun auch nicht weiter.

Ich zog das Programmhaft zu Rate. Online ist ja heutzutage alles abrufbar. Da steht geschrieben: Giacomo Meyerbeer. Nichts von Khalil Gibran. Dann Gastwirt Jean van Leyden. Kein Wort von Prophet Almustafa. Und dann ist da noch die Rede von drei Wiedertäufern.

Gastwirt? Giacomo Meyerbeer? Wiedertäufer? Kein Almustafa?

Upps. Da war aber was grundlegend schief gelaufen. Ich schrieb der Projektleiterin erneut, widerrief meine Nachricht von der Stunde davor. Mit der Bibel der Hippies hat diese Oper nullkommanull zu tun. Ich räumte diese Verwechslung ein. Aber falls nun jemand vorhat, sie zu vertonen. Ich hätte da so ein paar Ideen.

 

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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