17. November 2015

Heimat: “Tweet-up zur Ausstellung ,Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie’”

Campi_Die Ricotta-Esser

“Die Ricotta-Esser” von Vincenzo Campi © Lyon MBA – Foto Alain Basset

 

Selbstporträt mit Freunden

Ein strahlendes Lächeln ist das nicht. Die Zähne der “Ricotta-Esser” sind gelblich verfärbt, ungepflegt, verwahrlost. Aus dem 16. Jahrhundert stammt das Werk von Vincenzo Campi. Er selbst hat sich darauf mit Freunden festgehalten, er ist der Herr neben der einzigen Frau. In vollen Zügen genießen sie den saftigen, weißen Käse. Doch der fröhliche und ausgelassene Schein trügt, der Ricotta-Käse gleicht mit den runden hineingelöffelten Löchern einem Totenschädel, eine Fliege krabbelt außerdem darüber. Carpe Diem paart sich mit Vergänglichkeit. (Quelle: Antenna International)

Rembrandt, Dumas, Ai Weiwei

Das Werk von Vincenzo Campi ist eines von 140 Selbstporträts, die anlässlich der Ausstellung “Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie” derzeit in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen sind. Sie stammen von 100 Künstlern aus sechs Jahrhunderten. Darunter: Selbst-Darstellungen in alten und neuen Medien – von intimen Zeichnungen bis zum Selfie im Internet. Die Ausstellung ist Teil des trinationalen Kulturereignises “Ich bin hier. Europäische Gesichter”, das die Staatliche Kunsthalle mit Einrichtungen in Lyon und Edinburgh konzipiert hat. Beim “Tweet-up” führte Kurator Alexander Eiling durch die Räume in Karlsruhe. Der komplette Tweet-up ist bei Twitter unter #iamhere nachzulesen.

Narziss lässt grüßen

Frenet - Autoportrait nu

Jean Baptiste Frénet © Lyon MBA – Foto Alain Basset

Die Ausstellung beginnt mit einer Reise in die ältere Kunstgeschichte. Die Künstler setzten sich damals oft als Einzelfigur in Szene – in nachdenklicher Pose oder mit den Werkzeugen ihrer Arbeit. Typisch dafür: Jean Baptiste Frénets Selbstbildnis, das gleich am Anfang zu sehen ist. Er zeigt sich mit nacktem Körper und vielen Muskeln. Ken Currie sieht sich nur wenige Meter weiter mit seinem etwas anderen Selbst im Spiegel konfrontiert, eine Farbpalette dokumentiert den Schaffensprozess. Auch “Die Ricotta-Esser” sind exemplarisch für die Selbstporträts der älteren Kunstgeschichte. Denn die Künstler zeigten sich gerne in Gesellschaft mit Freunden, Kollegen und der Familie – sei es im Salon oder im Freien.

Intensiver Blickkontakt

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Louis Janmot © Lyon MBA – Foto Alain Basset

Direkt in die Augen schaut man im zweiten Raum Louis Janmot. Sein Selbstbildnis stammt aus dem Jahr 1832. 18 Jahre war er damals alt und Student an der Akademie in Lion. Hochkonzentriert und voller Intensität ist sein Blick. Der Hintergrund ist schlicht gehalten, nichts lenkt ab vom Hauptmotiv. Diese Sachlichkeit wird sich auch in den folgenden Jahrhunderten wieder in Selbstporträts finden.

Abgrenzung und Selbst-Zerstörung

Im 20. Jahrhundert spielen Abgrenzung und Verzweiflung eine große Rolle. Die Werke spiegeln oft die “Welt-Fremdheit” des Künstlers wider. In der Ausstellung ist beispielsweise ein Video von Marina Abramović zu sehen. Die Künstlerin zeigt darin eine neue Form der Selbst-Zerstörung und der Anti-Ästhetisierung: Sie kämmt sich in dem Schwarz-Weiß-Video so lange die Haare bis diese büschelweise ausfallen.

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Marina Abramović

 

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Ai Weiwei © Ai Weiwei

Ai Weiwei dokumentierte 2009 mit Selfies seine Verhaftung in China. Der helle Blitz lässt an Erleuchtung denken. Ihm gelingt es kurze Zeit später, die Bilder bei Twitter zu veröffentlichen. Regime-Kritik folgt. Auch von einem Krankenhausaufenthalt in München machte er später Selfies. So erfährt die Öffentlichkeit hautnah und ungefiltert von seinen Folgeschäden der brachialen Behandlung durch die Polizei. Ai Weiwei war einer der ersten, die das Smartphone als künstlerisches Medium nutzen – und damit der traditionsreichen Gattung der Selbstporträts eine ganz neue Facette gaben.

Die Ausstellung läuft noch bis 31. Januar. Begleitend dazu gibt es in der Jungen Kunsthalle:  “Selfies. Ich bin hier”

Randnotitz zum Schluss

Das ist das Selbstporträt von John Byrne und das Lieblingsbild des Kurators. Byrne ist übrigens der Ex-Mann von Tilda Swinton.

Byrne_Selbstportraet

John Byrne. Scottish National Portrait Gallery © The Artist / Bridgeman Art Library. All rights reserved.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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