13. Dezember 2015

Heimat: “Ein Tag mit den Freedom Skaters”

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Das sind Laura, Angela und Gesarda (von links)

Erste Versuche auf dem Skateboard

Vorsichtig stupst Hajar das Skateboard an. Skeptisch schaut sie mich dabei mit ihren großen braunen Augen an. Noch nie ist das kleine Mädchen aus Syrien mit rollenden Brettern in Berührung gekommen. Damit nun beim ersten Versuch nichts schief geht, trägt sie Knie-, Ellenbogen- sowie Handschützer. Ein grüner Helm sitzt außerdem sicher auf ihrem Kopf. Während sie dann einen Fuß auf das Skateboard setzt, holt sie mit dem anderen ein wenig Schwung. Ich halte sie dabei fest an der Hand. Dann kann es los gehen: Hajars erste Fahrt durch die Halle des Rollbrett-Vereins in Karlsruhe. Die Angst in ihren Augen weicht einem Funkeln.

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Das ist Hajar.

Hilfe bei der Integration

Hajar ist eines von 19 Kindern von der Notunterkunft Kriegsstraße 200, die an diesem Samstag mit Skateboards durch die Halle fahren – aufrecht, sitzend, liegend. Hinter der Aktion stehen die “Freedom Skaters”, ein Zusammenschluss von jungen Ehrenamtlichen, die den Kindern mit verschiedenen Freizeitangeboten bei der Integration helfen möchten.

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Ein nachhaltiges Projekt

Anna, eine junge Frau aus Karlsruhe, rief das Projekt im Sommer ins Leben. Gleich von Beginn an hatte sie zahlreiche Mitstreiter an ihrer Seite. Auch an diesem Samstag sind zehn Helfer dabei. Unter anderem Angela und Peter, die sich um die Organisation und den geregelten Ablauf kümmern. “Einiges gibt es bereits im Vorfeld zu klären”, erklärt Angela. Welche Kinder kommen mit? Liegen die Einverständniserklärungen der Eltern vor? Klappt es mit einem warmen Essen? “Wir sind ein nachhaltiges Projekt”, erläutert Angela. Das heißt: Die Freedom Skaters verzichten bei ihrem Projekt unter anderem auf Plastik. Außerdem achten sie  bei den Lebensmittel darauf, dass sie bio, fair-trade und vegan sind. So gibt es auch keine Probleme mit unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Gewohnheiten. Unterstützt werden die “Freedom Skaters” deshalb unter anderem vom Verein “Tischlein deck dich”. Daniel, ein Ehrenamtlicher, hat für das “Veganmagazin” auch schon einen Artikel über das Skateboard-Projekt geschrieben.

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Das ist Hanan.

Hilfe beim Übersetzen

Um 10.45 Uhr treffen sich die Ehrenamtlichen vor dem 1&1-Gebäude, dann geht es weiter zur Kriegsstraße 200, wo sie bereits sehnsüchtig am Eingangstor erwartet werden. Unter anderem von Hanan. “Ich bin erst seit wenigen Tagen in der Unterkunft”, erzählt die junge Frau aus Damaskus in fließendem Englisch. Ihre Begleitung ist woanders untergebracht, ganz alleine ist sie nun. “Deshalb möchte ich gerne am nächsten Tag mitkommen und beim Dolmetschen helfen“, sagt sie zu Laura, einer der Ehrenamtlichen. “Schön – das ist bestimmt möglich”, entgegnet sie ihr.

Das sind Zade und Laura.

Das sind Zade und Laura.

Freude und auch traurige Momente

Es dauert eine Weile, bis Angela und Peter alles in der Unterkunft geregelt haben und die Kinder nach draußen kommen dürfen. Als es dann soweit ist und die Kleinen da sind, ist die Freude groß, auf beiden Seiten. “Einige waren schon mehrmals dabei”, erklärt Laura. Bindungen bauen sich auf. Werden dann aber auch jäh wieder zerrissen, wenn die Familien verlegt oder gar abgeschoben werden.

Das sind Hajar und Maryam.

Hand in Hand

Da die Skatehalle ein wenig außerhalb liegt, müssen wir zunächst an der vielbefahrenen Kriegsstraße entlang zur nächsten Bahnhaltestelle laufen. “Jeder nimmt bitte mindestens ein Kind an die Hand”, sagt Angela. Ich darf mit den beiden Schwestern Hajar und Maryam laufen. Hajar spricht schon einige Worte Deutsch und auch Englisch. “Train?” meint sie fragend zu mir. Ich nicke. Dann gehen wir los.

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In der Mitte: Hussein.

Kleines Energiebündel

Es ist auffällig, wie ruhig die Kinder sind. Nur Hussein, ein kleines Energiebündel, das ich schon von der Kinderbetreuung kenne, tanzt ein wenig aus der Reihe. Er hat mit Timo aber einen perfekten Begleiter – ruhig und bestimmt. “Wir können durch unsere Ausflüge den Kindern nicht nur viel Freude bereiten, sondern auch auf ganz spielerische Weise beibringen, dass sie sich an Regeln halten müssen”, sagt Organisator Peter. Die Fahrt in der Bahn läuft sehr leise und gesittet ab.

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Wiedersehen!

An der Skatehalle angekommen, warten schon Mitglieder des Rollbrettvereins, die sich ebenfalls Zeit genommen haben, um den Kindern zu helfen. Kisten voller Helme und Schoner stehen bereit. Etwa drei Stunden haben die kleinen Skater nun Zeit, durch die Halle zu flitzen, hinzufallen, wieder aufzustehen, weiterzufahren. Egal, wo ich in diesen Stunden hinschaue, ich sehe nur freundliche Gesichter, jeder lächelt jeden an, jeder hilft jedem. Es ist für mich nur ganz schwer mit Worten zu beschreiben, was bei solchen Projekten passiert. Aber es herrscht – trotz der Schwere der Situation – so ein unglaublich schönes Miteinander, das mich erfüllt, beseelt und einfach nur glücklich macht. Ich komme wieder. Und hoffe von Herzen, dass dann Hajar und Maryam noch da sind.

Weitere Infos zu dem Projekt: https://www.facebook.com/freeskarlsruhe/?fref=ts

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2 thoughts on “Heimat: “Ein Tag mit den Freedom Skaters”

  1. Hartmut Hensgen sagt:

    Hallo Miriam,

    ein schöner Bericht über ein Gutes Projekt.

    Viele Grüße aus Zaisenhausen
    Hartmut Hensgen

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Danke! Und viele Grüße zurück!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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