22. Januar 2016

Flimmerkasten: “Anomalisa”

 

Tiefgründig und detailverliebt

Nach etwa 15 Minuten war ich irritiert. Als Michael Stone, Hauptdarsteller in „Anomalisa“, mit seiner Frau Donna telefoniert, redet eine Männerstimme mit ihm. Ist Donna ein Mann? Nein. Es macht plötzlich klick. Fast alle Figuren in dem Stop-Motion-Film von Charly Kaufman werden von einer Person gesprochen – bis auf Michael selbst und Lisa, der Frau, die ihm in einem Hotel begegnet und sein Leben für eine Nacht gehörig durcheinander wirbelt. „Anomalisa“ ist ein Film der etwas anderen Art, tiefgründig, detailverliebt, ehrlich, aber auch ein wenig verstörend. Zu recht hat der Animationsfilm bereits zahlreiche Preise erhalten.

Triste Töne!

Ich sah den Film in der englischsprachigen Sneak Preview, wusste deshalb überhaupt nicht, um was es geht. Neben der akustischen Besonderheit kommt eine optische hinzu. Die Gesichter der Figuren, denen Michael Stone begegnet, sind nahezu identisch. Die Farben sind sehr dezent, Beige- und Grautöne dominieren.

 

Midlife-Crisis: hallo!

Das Geschehen zeigt sich ausschließlich aus Michaels Perspektive. Der in den USA lebende Brite ist Mitte 40, hat Frau und Sohn, durch ein Ratgeber-Buch wurde er zum Star. Er hat alles erreicht, nur in ihm, da herrscht nun Leere. Alles ist trostlos. die wenigen Farb-Nuancen spiegeln die Eintönigkeit seines Lebens wider.

 

Erinnerungen an „Lost In Translation“

Ein Vortag bringt ihn nun nach Cincinatti, wo er in einem anonymen und kalten Hotel unterkommt. Das Personal ist unfreundlich, eine Bestellung zu ordern kompliziert und als er plötzlich diese eine, andere Stimme aus der Ferne hört, macht er sich im Hotel auf die Suche. Er findet Lisa ein paar Zimmer weiter. Sie ist mit einer Freundin nicht zufällig da, sondern ein Groupie. Michael zeigt sich an einer gemeinsamen Nacht interessiert.

 

Wirkt lange nach

Der Animationsfilm zeigt einen sehr direkten und ungeschönten Blick auf die menschliche Existenz, Beziehungen und die Liebe. Schonungslos ist Charly Kaufman in seinem Werk. Dusch- und Sexszenen sind bis ins letzte Detail ausgeleuchtet und auch die menschlichen Abgründe kommen in allen Facetten zur Geltung. Am Ende bleibt kein wohliges Gefühl zurück. Sondern ein nachdenkliches. Charly Kaufman hat ein sehr außergewöhnliches Werk geschaffen, das lange nachwirkt, und das ich mir auf jeden Fall ein zweites Mal anschauen möchte.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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