20. März 2016

Kurioses: “Das Telefon”

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1056 whatsapp-Nachrichten in zwei Tagen

Ich war vor kurzem mit einer 13-Jährigen im Ballett. Wir schauten uns „Das kleine Schwarze“ an. Die Konversation in der Pause war zunächst ein wenig schwierig, kam dann aber richtig in Schwung, als meine Begleitung sah, dass ich ein Iphone dabei habe. „Ich bekomme zum Geburtstag auch eines“, erzählte sie mir mit leuchtenden Augen. Ich war irritiert. So ein teures Geburtstagsgeschenk? „Ja, aber fast jeder in meiner Klasse hat eines“, sagte sie und fügte schnell hinzu: „Heute tauscht man sich doch nur noch über whatsapp und Snapchat aus.“

An einem Wochenende sei sie mal handylos gewesen, das Ergebnis: 1056 (!!!) ungelesene Nachrichten in ihrem Klassen-Chat. Ich war sprachlos. „Telefoniert ihr nie?“, fragte ich sie. „Nö, telefonieren macht man doch heute nicht mehr.“

Liebe auf dem Anti-Drogen-Seminar

Ich muss gestehen, ich war zu Schulzeiten telefonsüchtig. Ich plaudere generell gerne. Das nahm mit 15 Jahren aber schlimme Ausmaße an. Denn da fand ich neue Freundinnen, die nicht auf meiner Schule waren. Das ist eine sehr schöne Geschichte. Ich lernte sie nämlich durch meinen ersten Freund kennen. Ihm war ich auf einem Anti-Drogen-Seminar begegnet. Anti-Drogen-Seminare sind sehr lustige Veranstaltungen, da schicken verschiedene Schulen Klassenvertreter hin. Wirklich „Anti“ ist da nix, eher Schullandheim deluxe.

Ich begegnete dort einem blonden Skater auf ganz besondere Art. Man sperrte uns nämlich zusammen in einen Schrank. Es machte klick. Nach fünf Wochen war ich mir aber nicht mehr so sicher, ob das wirklich diese Liebe ist, von der alle sprechen. Ich beschloss, besser Schluss zu machen.

Neue Freundinnen!

Ich suchte das Gespräch an einem Freitagabend vor der Kneipe, in der alle waren, die damals schon bis 23 Uhr weggehen durften. Der blonde Skater fand das alles nicht so lustig. Das tat mir sehr leid. Das fanden die ganz schön coolen Klassenkameradinnen des Skaters so süß, dass sie mich trösteten, mich an ihren Tisch setzten – und adoptierten. Schwupps, war ich in einer ganz schön hippen Mädelsclique gelandet, eine Freundschaft, die bis heute hält.

Explodierende Rechnungen

Damals hieß das aber: Fünf neue Freundinnen, die alle nicht auf meiner Schule waren – die Telefonleitungen glühten, stundenlang. Rechnungen explodierten, der Ärger zuhause war groß. Überall dasselbe Muster: Unsere Eltern ließen sich Einzelverbindungen zuschicken, mit Textmarker markierten sie, wer wann telefoniert hatte. Die Ergebnisse waren vernichtend. Wir bekamen alle eigene Telefone in unsere Zimmer, mit eigener Nummer. 20 DM Rechnung bezahlten die Eltern, alles was darüber war, ging vom Taschengeld ab. Herrje, das waren noch Zeiten.

Aber wir hatten einen richtigen Austausch, nicht nur abgehackte whatsapp-Nachrichten oder Smileys. Wir erzählten uns Geschichten, gaben uns gegenseitig Tipps. Waren uns trotz Distanzen total nah. Und die Mädels verhalfen mir mithilfe eines Telefons zu meinem zweiten Freund.

Dank Mut zum zweiten Freund

Ich fand einen braunhaarigen Skater mit Sommersprossen von ihrer Schule toll. War aber viel zu schüchtern, ihn anzusprechen. Als wir an einem Abend wieder in dieser Kneipe waren, er dort aber nicht auftauchte, gingen zwei der Mädels zu einem Münztelefon, schnappten sich das Telefonbuch und suchten sich seine Festnetz-Nummer heraus. Mutig wie sie waren, riefen sie einfach dort an, ließen ihn von seinen Eltern ans Telefon holen und erzählten ihm von mir. Er war interessiert und wollte mich noch an diesem Abend sehen. Der Plan ging auf, wir kamen zusammen.

Für mehr Tiefgang!

Das sind Geschichten, an die ich nach dem Gespräch mit meiner 13-jährigen Ballett-Begleitung denken muss. Irgendwie hatten die Beziehungen damals noch mehr Verbindlichkeit, man musste sich was trauen, sich überwinden. Seinen Status definierte man nicht über Facebook-Likes, sondern darüber, wie man sich im echten Leben verhält. Ich mag mein Smartphone, aber manchmal werde ich sehr wehmütig, wenn ich sehe, wie es das Kommunikationsverhalten verändert.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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