19. April 2016

Heimat: “Plan B”

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Plan A funktioniert nicht

Eigentlich hatte ich mal gedacht, dass ich mit 30 Jahren eine Familie habe, eine eigene Wohnung und ein ganz schön solides Leben. Tja. Willkommen in der Realität. Erst kämpft man nach der Uni mit Volontariat und befristeten Verträgen. Und dann endlich, die Unterschrift auf dem lange ersehnten unbefristeten Arbeitsverhältnis ist kaum trocken, zieht der Traumprinz in ein fremdes Land. Der Arbeit wegen.

Das hieß im vergangenen Jahr für mich: Alles auf Anfang. Neuausrichtung. Das klingt nun vielleicht paradox, aber ich habe in den vergangenen Monaten ausgerechnet durch die Flüchtlingskrise mein Leben neu lieben gelernt.

Leben zu schätzen

Warum? Seit quasi direkt vor meiner Haustür unzählige Menschen leben, die alles verloren haben, weiß ich meine Situation sehr zu schätzen und hadere nicht mehr über das, was ich nicht habe, sondern sehe das, was da ist: Ich freue mich über meine schöne Wohnung, dass ich jederzeit in den Supermarkt laufen und mir Dinge, auf die ich Lust habe, kaufen kann. Dass ich einen tollen Job habe, dass meine Freunde um mich sind und dass es meiner Familie gut geht.

Als Kind hatte ich Angst vor Krieg und dass unser Haus in der Nacht zu brennen anfängt. Ich hatte Angst, dass mein Vater seine Arbeit verliert, und wir umziehen müssen. All das war völlig abwegig, meine Eltern konnten mir die Ängste nehmen. Den Kindern aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan widerfährt aber genau das. Vielleicht habe ich deshalb mein Herz so sehr an das Projekt der Freedom Skaters verloren.

Endlich Mut

Ich habe in den vergangenen Monaten dadurch so viele neue, spannende Menschen kennengelernt, junge, alte, starke, schwache. Ihr gemeinsamer Nenner: die Herzlichkeit. Als wir beispielsweise am Sonntag von der Skatehalle in der S-Bahn heimfuhren, rutschten zwei kleine Jungs auf ihren Sitzen so eng zusammen, dass ich mich noch zu ihnen setzen konnte. Ein Vater wartete am Tor auf uns, um mit einem Handschlag seine Dankbarkeit auszudrücken.

Und ich habe mich doch tatsächlich getraut, mit dem Skateboardfahren anzufangen. Monatelang wagte ich es nicht. Ich hatte Angst, zu fallen. Am Sonntag war endlich der Mut da, es auszuprobieren, auch deshalb, weil Menschen um mich waren, die mir halfen und denen ich vertraute. Es war ein unglaublich tolles Gefühl, die Angst zu besiegen und zu sehen, dass etwas funktioniert. Das sind kleine Momente, aber so unglaublich schöne.

Plan B ist ganz schön gut!

Mir ist klar geworden: Wenn sich Rahmenbedingungen im Leben verändern, muss man loslassen. Ich habe verstanden: Manchmal läuft im Leben einfach nicht alles nach Plan, dann geht es eben anders weiter – und manchmal soviel besser, als man erwartet hätte. Geht eine Tür zu, geht eine andere auf. Und ich habe gelernt, auf Oscar Wilde zu vertrauen: „Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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