11. Mai 2016

Heimat: “Begegnungen mit Elvedina”

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Drehend durch die Luft

Ich lerne Elvedina am Abend der Eröffnungsshow der europäischen Kulturtage  kennen. Als wir in der Notunterkunft Kriegsstraße 200 nach Familien suchen, steht sie plötzlich bei uns. Sie grinst mich an und möchte, dass ich sie an den Händen nehme und im Kreis drehend durch die Luft wirble, mir wird ganz schön schnell schwindlig, sie lacht.

An diesem Abend findet sie in Patrick schnell einen Freund. Sie bauen zusammen ein Longboard, machen Quatsch und sind ein Herz und eine Seele. Für uns andere Betreuer ist das schön zu beobachten, wie sich das quirlige und ganz schön freche Mädchen bei ihm sicher fühlt.

Ein anstrengender Tag

Als wir eine Woche später sonntags zum Workshop fahren, ist Elvedina wieder dabei, Patrick jedoch nicht. Sie sitzt neben mir in der Bahn und fragt in Dauerschleife: Wo ist Patrick? Wo ist Patrick? Es ist herzzerreißend.

Elvedina fordert uns an diesem Tag sehr. Sie rennt ständig kreuz und quer durch die Halle und möchte hochgehoben werden. Sie braucht mehr Zuwendung als alle anderen Kinder zusammen. Es ist sehr anstrengend.

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Auf dem Po die Rampen hinunter

Die Stimmung kippt, als Elvedina nicht mehr mit dem Skateboard die Rampen runterfahren will, sondern einfach so hinunterrutscht. Ihre bunte Stoffhose reißt direkt am Po. Sie findet das sehr lustig, wir aber versuchen die Hose mit Klebeband zu reparieren. Kaum haben wir es geschafft, entfernt das kleine Mädchen aus Bosnien die Streifen wieder und spült sie das Klo hinunter. Alles beginnt wieder von Neuem.

Uns ist schnell klar, Elvedina kämpft um Aufmerksamkeit. Sie meint das nicht böse, will uns nicht ärgern. Aber sie braucht Zuwendung. Ihr Vater ist seit wenigen Monaten tot, ihre Mutter hat noch einen kleinen Säugling zu versorgen und eine Perspektive haben sie in Deutschland so wenig wie in Bosnien. Das kleine Mädchen möchte einfach nur, dass sich jemand um sie kümmert. So wie es Patrick getan hatte. Wir können das an diesem Tag aber nicht leisten.

Begrenzte Möglichkeiten

Auf dem Nachhauseweg verweigert sich Elvedina total. Sie möchte nicht mehr laufen, wir tragen sie, sie strampelt aber, macht sich lang und steif, setzt sich irgendwann mitten in der Stadt auf den Boden und streikt. Wir versuchen verschiedene Methoden, um sie wieder aufzuheitern. Vergeblich. Unser Nachhauseweg dauert eine Stunde länger als sonst.

Wir Helfer stehen danach noch lange zusammen und reden. Durch diese Erfahrung wird uns wieder klar, wie begrenzt unsere Möglichkeiten oft sind. Wir können den Kindern schöne Stunden schenken, aber manche sind so traumatisiert, dass sie psychologische Hilfe brauchen.

Elvedina und ihre Familie sind inzwischen abgeschoben – in die Armut und Perspektivlosigkeit Bosniens.

Hintergrund dieses Textes: Auf der Facebook-Seite der Freedom Skaters schreiben wir Helfer über unsere Erfahrungen mit den Kindern. Hier geht es zu den anderen Berichten: https://www.facebook.com/freeskarlsruhe/

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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