22. Juli 2016

Flimmerkasten: “Toni Erdmann”

Große Neugierde!

Es gibt wenige Filme, auf die ich so hinfieberte, wie auf „Toni Erdmann“. Seit das Werk von Maren Ade beim Filmfestival in Cannes Premiere feierte und von den Kritikern durchgehend überwältigendes Lob bekam, war ich neugierig.

Aber nicht nur wegen Cannes: Allein beim Namen der Regisseurin hatte es schon klick gemacht. Schließlich hatte ich vor Jahren „Alle anderen“ von ihr im Kino gesehen. Das Drama um ein junges Paar im Italien-Urlaub hatte solch eine Wucht auf mich entfaltet, dass ich danach erstmal regungslos im Samtsessel der Schauburg saß und noch lange über einzelne Gesprächsequenzen nachdachte. Seither ist mir der Name Maren Ade sofort ein Begriff.

Viel Humor in der Familie

Nun also „Toni Erdmann“ – und zwar am Montag in der Schauburg, wo die aus Karlsruhe stammende Regisseurin anwesend war und nach der Vorführung noch Fragen beantwortete: nach persönlichen und autobiografischen Paralleln („nur bedingt – Probleme werden in ihrer Familie aber auch durch Humor gelöst“) und der Auswahl der Schauspieler („standen nicht im Vorfeld fest, sondern erst durch Castings gefunden“).

Work hard, play hard vs. Walking on Sunshine

Maren Ade hat nach 5,5 Jahren Arbeit mit „Toni Erdmann“ eine tragi-komische Komödie mit Tiefgang und ganz schön vielen abstrusen Szenen auf die Leinwand gezaubert. Im Mittelpunkt stehen die ehrgeizige Unternehmensberaterin Ines und ihr Vater Winfried, ein Musiklehrer, gemütlich, mit Hang zu unkonventionellen Witzen und Blödsinn. Beide leben in komplett verschiedenen Welten: Ines versucht in Bukarest einer Ölfirma beim Outsourcing zu helfen, kämpft sich mit Biss durch eine Männerwelt, angespannt, ernst, ohne Freude. Dafür mit reichlich Alkohol und Drogen. Ihr Vater, ein Alt-68er, klimpert bei Schulveranstaltungen auf dem Klavier, bemalt sich dazu sein Gesicht und kümmert sich um seinen Hund und die betagte Mutter.

Überraschung!

Vater und Tochter könnten sich kaum fremder sein. Winfried fliegt deshalb eines Tages unangekündigt nach Bukarest, um Ines zu besuchen – und ihr so wieder näher zu kommen. Ein Unterfangen, für das er keine Mühen scheut und sich ein Alter Ego zulegt: Toni Erdmann, einen ehemaligen Coach Ion Tiriacs, mit falschen Zähnen und Perücke. Dem Wahnsinn sind nun keine Grenzen mehr gesetzt. Ines ist nahe eines Nervenzusammenbruchs.

Handschellen und Nacktparty

Das Besondere an „Toni Erdmann“ ist die sehr angenehme Balance zwischen Tragik und Komödie. Maren Ade entpuppt sich außerdem als genaue Gesellschaftsanalystin: Vor allem die Welt der Unternehmensberater wird sehr anschaulich dargestellt. Immer wieder tauchen zudem Bilder auf, die zeigen, wie die Globalisierung in Rumänien Einzug erhalten hat. Durch Ines macht sie außerdem deutlich, wie Frauen in einer männerdominierten Branche immer noch zu kämpfen haben. Mittels komischer Gesangseinlagen, Furzkissen, Handschellen oder einer überraschenden Nacktparty kehrt aber immer wieder Leichtigkeit zurück.

„Toni Erdmann“ berührt und macht nachdenklich – auf sehr unterhaltsame Weise. Die 2,40 Stunden verfliegen wie im Nu. Zurück bleibt ein gutes Gefühl. Das Lob der Kritiker ist verständlich. „Toni Erdmann“ ist ein Film, den ich mir auf jeden Fall als DVD kaufen werde.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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