3. Oktober 2016

Schmöker: “Unterwerfung” von Michel Houellebecq

unterwerfung

Spannend, radikal, bereichernd.

Eine autoritäre muslimische Partei regiert im Jahr 2022 Frankreich. Der Trubel war groß, als „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq im Januar 2015 erschien. Besonders da die Veröffentlichung mit dem Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zusammenfiel. Auch ich stand dem Werk lange sehr skeptisch gegenüber – zahlreiche Medien und Personen des öffentlichen Lebens warfen dem derzeit bedeutendsten französischen Autor islamfeindliche Tendenzen vor. Mich nervte es zunächst auch sehr, dass er in der eh schon aufgehitzten Lage ein für mich völlig utopisches Szenarium konzipiert: Eine muslimische Partei krempelt ein westliches Land um. Houellebecq schürt Ängste, das waren meine ersten Gedanken, als ich die Rezensionen über „Unterwerfung“ las.

Nun, nachdem ich das Buch gelesen habe, muss ich gestehen: Ich habe mich geirrt. Michel Houellebecqs Gedankenspiel ist keineswegs absurd, sondern sehr klug konstruiert. Seine Herleitungen klingen so logisch, dass es sehr spannend ist, ihnen zu folgen. Mit unglaublicher Genauigkeit beschreibt er die französische Gesellschaft, zieht immer wieder sehr interessante geschichtliche Vergleiche und zeigt auf, wie sich die Nation durch ihren Hedonismus, Kapitalimus und den ständigen Drang zur Individualisierung selbst zerstört.

Die muslimische Partei als kleineres Übel

Sein Gedankenspiel: Mit dem verstärkten Zulauf der Front Nationale bekommt auch die muslimische Partei um den eloquenten Spitzenkandidaten Mohammed Ben Abbes immer mehr Zuspruch. Die Wahlen im Jahr 2022 spiegeln diese Entwicklung wider: Die Partei um Marine Le Pen gewinnt die meisten Stimmen. Und direkt dahinter: die Partei von Mohammed Ben Abbes. Unruhen im Land sind die Folge. Die Konsequenz: Die Sozialisten gehen mit der muslimischen Partei ein Bündnis ein, es erscheint als kleineres Übel.

Ein Intellektueller mit abstrusen Sex-Fanatsien

Erzählt werden die Geschehnisse aus der Sicht von Francois. Er ist ein promovierter, leicht verschobener Literaturwissenschaftler und lehrt an der Sorbonne Universität in Paris. Er fasst im ersten Drittel des Buches zusammen, wie das politische System so zerfledderte.

“Ich war politisiert wie ein Handtuch, was wahrscheinlich schade war. Es stimmt, dass die Wahlen in meiner Jugend so uninteressant waren, wie man es sich nur denken konnte. Die Dürftigkeit des “politischen Angebots” war sogar wirklich frappierend. Man wählte einen Mitte-Links-Kandidaten abhängig von seinem Charisma für die Dauer von einem oder zwei Mandaten. Ein drittes wurde ihm aus undurchsichtigen Gründen verwehrt. Dann wurde das Volk dieses Kandidaten beziehungsweise der Mitte-Links-Regierung überdrüssig – hier ließ sich gut das Phänomen des demokratischen Wechselspiels beobachten –, woraufhin die Wähler einen Mitte-Rechts-Kandidaten an die Macht brachten, ebenfalls für die Dauer von ein oder zwei Mandaten, je nach Typ. Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs. Seit dem Vormarsch der Rechtsextremen war die ganze Sache ein wenig spannender geworden, die Debatten waren vom vergessenen Beben des Faschismus untermalt.”

Hosen statt Röcke

Houellebecqs gezeigte Entwicklungen klingen so logisch, wenn man sich in diesen Monaten die politische Lage in einigen europäischen Ländern anschaut. Die Politikverdrossenheit, das Gefühl, dass die großen Volksparteien es nicht auf die Reihe bekommen und die rechtspopulistischen Parteien in Frankreich, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland genau in diese Lücke treffen.

Michel Houellebecq lässt die muslimische Partei aber nicht nur an die Macht kommen, sondern zeigt auch auf, welche Konsequenzen der Regierungswechsel mit sich bringt: Die Röcke verschwinden von den Straßen, alle Gelehrten an der Sorbonne Universität, die nicht zum Islam konvertieren, werden entlassen. Auch das Schulsystem verändert sich drastisch. Die Staatsausgaben gehen außerdem generell sehr zurück. Der Familie wird wieder mehr Verantwortung zugesprochen: Versorgt euch selbst. So lautet die Maxime.

Katastrophales Frauenbild

Der Autor macht dies aber keineswegs reißerisch, sondern ganz ruhig. Durch Herleitungen und Begründungen untermauert er seine Ausführungen. „Unterwerfung“ macht nachdenklich und bereichert ungemein. Ausnahme: Die sexuellen Fantasien, die Francois ständig äußert. Das Frauenbild des französischen Literaturwissenschaftlers ist so unterirdisch und entwürdigend, dass ich mehr als einmal fluchte. Es ist manchmal besser nicht zu wissen, was in manchen Männerköpfen so vorgeht.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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