8. Oktober 2016

Kurioses: “Tinder”

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Wisch und weg

Immer wenn mir langweilig ist, melde ich mich bei Tinder an. Das passiert meist dann, wenn ich krank im Bett liege oder mir Freunde kurzfristig am Wochenende absagen. Dann sitze ich nämlich plötzlich in meinem Wohnzimmer und denke: Was nun?! Also es ist nicht so, dass ich mich mit Lesen, Schreiben und Serienschauen nicht stundenlang alleine beschäftigen kann. Aber diese vielen Bildchen von paarungswilligen Männern sind doch auch immer ein Erlebnis.

Sex-App?!

In den vergangenen Jahren war mir etwa zehn Mal langweilig. Durchschnittlich alle drei bis vier Monate ploppte also in dieser Flirt-App ein Bild von mir auf. Maximal zwei Tage bleibe ich dann online, dann lösche ich das Konto wieder. Personen, die dort dauerhaft sind, fragen sich wahrscheinlich: Was macht die denn da schon wieder?! Herz oder X? Match oder Fail? Meine beste Freundin sagt: „Miriam, außer dir kenne ich niemanden, der dieses Tinder nicht als Sex-App nutzt.“ Ich bezweifle das stark, besonders dann, wenn ich das Angebot an Männern auf meinem Display sehe. Also wenn da nur die Hälfte der Herren eine Frau für sexuelle Abenteuer findet, dann wäre das schon der Hit.

Geister hinter jedem Wisch

In Karlsruhe ist Tinder ein wenig gruselig. Das ist wie Fahren in der Geisterbahn – hinter nahezu jedem Wisch lauert eine neue kuriose Gestalt. Entweder posen sie mit nacktem Oberkörper, haben einen Hasen auf der Hand oder einen Adler. Schlangen tragen manche auch über ihren Schultern. Und es gibt Herren wie zum Beispiel Karl. Mecki-Frisur, Brille, unförmig sitzender Pulli. Bei Karl kam ich eher versehentlich auf Herz, das passiert mir manchmal, wenn ich zu schnell bin. Dann gerät das Bewertungssystem durcheinander und ich kann plötzlich mit Männern schreiben, die, nun ja, sagen wir mal so: Optisch eigentlich nicht unbedingt in mein Raster fallen.

Förmlich und steif

Karl ist bestimmt nicht verkehrt, aber einfach nicht mein Typ. In seiner ersten Nachricht holte er außerdem ganz schön weit aus und schrieb mir im Brief-Stil – also mit Anrede, Haupttext und Verabschiedung: „Bonsoir Miriam, (blablabla, Ausflug mit Freunden, Birmingham, blabla) Viele Grüße, Karl. P.S. Gerader Pony fetzt.“

„Fetzt.“ Ich liebe es ja, vom Aussterben bedrohte Worte zu reanimieren. Aber in diesem Fall schüttelte es mich, kurz und heftig.

Harter Heiratsmarkt

Manche Freunde, die schon viele Jahre in Beziehungen sind, sehen meine gelegentlichen Tinder-Ausflüge mit Skepsis. „Das ist doch nix“, sagen sie mir immer wieder. Ich entgegne dann immer: „Ihr solltet mal mit Anfang 30 nochmals auf diesem Singlemarkt in Karlsruhe unterwegs sein, dann würdet ihr vielleicht auch mal Quatsch machen, wenn euch langweilig ist.“

Sextalk – Fehlanzeige

Vielleicht liegt es an meinem geraden Pony, an meiner sehr züchtigen Kleidungsweise oder an meinem freundlichen und artigen Lächeln: Kein Mann schickte mir bislang aufdringliche oder anzügliche Nachrichten bei Tinder. Im Gegensatz zu Freundinnen und Bekannten, die bereits Dreier angeboten bekamen. Oder die sich mit komplett fremden Männern Nacktbilder zuschickten. Ich höre bei solchen Erzählungen immer mit offenem Mund zu, bin verwundert und sage: Mir ist das noch nie passiert. Ich schreibe mit den Männern über Bücher, Freizeitaktivitäten oder einfach über das Leben.

Diese Hallodris!

Manchmal bin ich bei Tinder auch sehr verwundert: Wenn plötzlich bekannte Männer auftauchen, bei denen ich sicher weiß, dass sie in festen Beziehungen sind. Das ist mir nun schon ganz schön oft passiert. Soll ich das nun der Freundin sagen oder nicht? Unruhe stiften oder den Frieden wahren? Denn wer weiß: Vielleicht liegen die auch nur krank im Bett und ihnen ist langweilig. Oder sie wollen ihren Marktwert testen. Der Teufel kann ja ein Eichhörnchen sein. Einen Screenshot mache ich aber immer, sicher ist sicher.

Mit ein bisschen Romantik

Nun muss ich gestehen, dass ich bei meinen zahlreichen Tinder-Ausflügen über die Jahre tatsächlich schon den ein oder anderen sehr netten Mann getroffen habe. Entweder kannten wir uns bereits vom Sehen oder wir hatten gemeinsame Freunde. Mit einer kleinen Auswahl traf ich mich dann auch – im Hellen und an öffentlichen Orten. Mit einem unterhielt ich mich beim ersten Treffen zehn Stunden lang, mit einem anderen hatte ich einen wunderbaren Sommer und einer verdrehte mir ganz schön den Kopf.

Diese Männer waren in diesem schrägen Angebot keineswegs einfach zu finden, es war mehr Glück und Zufall. Vielleicht hätten sich unsere Wege über kurz oder lang auch so in Karlsruhe gekreuzt. Aber Tinder kürzte diesen Prozess ab und es lohnte sich bei jedem von ihnen. Deshalb melde ich mich immer, wenn mir langweilig ist, bei Tinder an.

 

4 thoughts on “Kurioses: “Tinder”

  1. Puki sagt:

    Immer schön brav bürgerlich bleiben! Das System stabilisieren und bloß nichts Unrechtes tun. Dieser Text hätte auch in Brigitte stehen können, oder so etwas harmlosen. Wenigstens gibt es entfernte Bekannte, die auch mal einen Dreier haben etc. Hoffentlich kommst du damit klar, daß nicht alle so konform sind.

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Herrje. Bitte nicht immer alles in der Rubrik “Kurioses” so ernst nehmen. Humor hilft hier beim Lesen ;)

  2. Elizabeth II. sagt:

    Also wir Briten haben ja die Greenwich Mean Time erfunden und die Uhren ticken bei uns bekanntlich anders.
    Aber wenn sich nur alle 11 Minuten ein Single bei Parship verliebt, was passiert dann während der restlichen Zeit?

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Wo treibt sich eigentlich Harry um? Ist Tinder in London ein Erlebnis?

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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