13. Oktober 2016

Heimat: “Karlsruhe”

598886_460663017297242_212422875_n

Karlsruhe?!

Waffel essen in den Kauf dich glücklich-Cafes, Shoppen in Friedrichshain oder über den Flohmarkt im Mauerpark schlendern: Eine Freundin aus Berlin fragte mich vor kurzem: Magst du nicht auch in die Hauptstadt ziehen?! Ich hielt kurz inne und überlegte. Was hält mich eigentlich in Karlsruhe?

Es dauerte kurz, bis sich die Gedankenflut sortierte, dann war mir klar: Karlsruhe ist inzwischen meine Heimat. Und damit meine ich nicht diesen antiquierten Begriff von Heimat, nicht dieses verstaubte Bild mit Trachten, Kuckucksuhren oder volkstümlichen Klängen. Nein, hier leben die Menschen, an denen mein Herz hängt. Mit denen ich samstags am Gutenbergplatz zum Markt gehen, durch den Schlossgarten spazieren oder am Schlachthof Pastrami-Sandwiches essen kann. Die mir Verlässlichkeit bieten, mich glücklich machen.

Rettung: WG

Als ich nach dem Studium in Heidelberg vor acht Jahren hierher zog, kannte ich niemanden. Ich schrieb gerade in den letzten Zügen an meiner Magisterarbeit und arbeitete bereits als Freeelancer für verschiedene Medien. Deshalb war ich auch in Karlsruhe gelandet. Es war die erste Zeit gar nicht einfach, Gleichaltrige in Karlsruhe kennenzulernen. Vor allem: Wo stolpert man als Mädel über gleichgesinnte Mädels, wenn die Uni-Hörsäle als Überschneidung fehlen?!

Ich entschied mich fürs Kellnern und zog in eine Vierer-WG. Dort ging es drunter und drüber: Schweinebauch blutete in der Küche aus, Maden spazierten an der Wand lang und der Schimmel kroch aus den Töpfen. Aber wir saßen den ganzen Sommer lang auf dem Balkon, tranken Kanister voller Wein und redeten, redeten, redeten.

Ein Hoch auf die Verbindlichkeit

Es dauerte einige Zeit, aber nach und nach stolperten immer mehr nette Menschen in mein Karlsruher Leben. Und: Sie blieben. Die anfängliche Skepsis, Distanz, Zurückhaltung, alles Eigenschaften, die so typisch für Karlsruhe sind, verwandelten sich in Verbindlichkeit, in Vertrauen und Beständigkeit.

Was machst du, was kannst du?

Wenn ich mit Freunden aus Berlin spreche, erzählen sie mir, dass dort auch nicht immer alles super schillernd ist. Sondern manche Menschen ganz schön einsam sind, wenn die Party vorbei ist und das Licht wieder angeht. Dass dort alles so schnell geht, an der Oberfläche kratzt, nur die Eckdaten zählen. Was machst du, was kannst du? Aber was bringt die tollste Bar, das bezaubernste Restaurant oder das hippste Konzert, wenn die tiefgehenden Freundschaften fehlen? Und wenn das Angebot ständig so groß ist, dass man sich nicht mehr entscheiden kann? Sich ständig gestresst fühlt, weil man denkt, etwas zu verpassen?

In der Not hilft verreisen

Dass ich hier bleiben möchte, ist aber keine Entscheidung gegen Berlin, nein. Vielmehr bin ich einfach sehr zufrieden und dankbar um mein Leben in Karlsruhe. Ich mag nicht einfach alles aufgeben. Ich kann auch hier mit meinen Freunden am Wochenende leckere Rum-Drinks am Werderplatz trinken, Törtchen in der Waldstraße essen und bei Konzerten Indie-Musik hören. Auch einen Kaktus habe ich in meiner Wohnung stehen. Ich fühle mich sicher und kenne mich aus. Außerdem kann man in Karlsruhe gerade so wunderbar mitgestalten. Es bewegt sich was – besonders wegen der Menschen, die auch nach der Uni noch bleiben. Und wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, verreise ich eben. Bald auch wieder nach Berlin. Ich freue mich schon. Waffel essen in den Kauf dich glücklich-Cafes, Shoppen in Friedrichshain und über den Flohmarkt im Mauerpark schlendern.

 

In Karlsruhe sind übrigens 2017 auch die “Heimattage”: https://www.facebook.com/heimattage2017/?ref=ts&fref=ts

6 thoughts on “Heimat: “Karlsruhe”

  1. Anni sagt:

    Das kellnern war aber auch ne gute Idee :-D

  2. Sehr schöner Beitrag! Das kann ich sehr gut nachvollziehen!

    Concept Stores, neue Restaurants und eine individuelle Bar- und Kneipenszene. Ich finde in den letzten zwei Jahren wurde Karlsruhe, um einige schöne Lokalitäten bereichert. :)
    Ich mag auch sehr, dass man hier zu Fuß oder mit dem Fahrrad quasi überall in wenigen Minuten hinkommt. ;)

    Liebe Grüße
    Veronika Julie von JULIE EN ROSE | julieenrose.de

  3. Bernhard Prinz von Baden sagt:

    Karlsruhe beschde Lebe.

  4. Stephanie sagt:

    Sehr schön geschrieben! Was mir als Karlsruherin hier immer gefällt ist die Nähe zu Frankreich (Einkaufen in Strasbourg, Mousse de marrons kaufen im Carrefour, usw.). In Berlin hat man das nicht. Berlin ist wie eine Insel, eine coole Insel zwar aber auf Dauer würde mir da etwas fehlen – vom Charme und savoir vivre, das ich mir in regelmäßigen Dosen in Frankreich einverleibe! Ich halte es wie du, ich reise nach Berlin und in andere Städte aber Karlsruhe bietet mir alles was ich brauche, vor allem die wichtigsten Menschen in meinem Leben.

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Danke. Und jaaaa, ohne die lieben Menschen geht es einfach nicht und dank TGV ist man ja in Straßburg und in Paris tatsächlich blitzschnell. :)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam