28. Dezember 2016

Fernweh: “Abenteuerliches Athen – 6 Tage in Exarchia”


Ein Besuch in Exarchia

Streetart, verriegelte Häuser, viele Künstler und Studenten: Es war im Zuge der Flüchtlingskrise, als ich das erste Mal von Athens Stadtteil Exarchia hörte. Dort hatten Aktivsten aus der linken Szene Häuser besetzt und sie als Unterkünfte an geflüchtete Menschen übergeben. Was verbirgt sich hinter diesem Stadtteil, aus dem sich die Polizei weitgehend zurückgezogen hat, in dem sich Menschen aber gegenseitig helfen, eine eigene Gesundheitsversorgung aufgebaut haben und sich in Cafés zum Austausch treffen? In dem die Kultur boomt, viele Akademiker wohnen, aber auch Mülltonnen brennen und der Drogenhandel auf öffentlichen Plätzen stattfindet.

Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen, fragte eine Freundin, ob sie mitkommen möchte – und sie sagte ja. Über Airbnb suchten wir uns dann Anfang November eine Unterkunft in Exarchia. Es war das Angebot von Romanos, das uns beiden sofort zusagte. Bunte Möbel, zentral und mit tollen Bewertungen. https://www.airbnb.de/rooms/905315

Touris: Fehlanzeige!

Es war die perfekte Wahl. Romanos schickte uns schon vor unserem Start ausführliche Beschreibungen, wie wir zu ihm finden. Denn in Exarchia sind öffentliche Verkehrsmittel nicht vorhanden, zumindest sahen wir weder einen Bus noch eine Tram. Was aber kein Problem ist, da eine Taxifahrt unabhängig von Zeit und Strecke in der Athener Innenstadt lediglich fünf Euro kostet, plus einem Euro Aufpreis für das Gepäck.

Griechische Gastfreundschaft

Wir wurden sehr herzlich empfangen. Romanos trug mir meinen Koffer die schmale Wendeltreppe zu unserem Studio hoch, das direkt an sein Elternhaus angrenzt. Seine Mutter brachte uns selbstgemachte vegetarische Teigtaschen; Rotwein und Raki warteten ebenfalls auf dem Tisch auf uns. Außerdem Gebäck, Honig, Marmelade und frische Orangen. Romanos hatte uns eine Karte vorbereitet, wo Restaurants-Tipps eingezeichnet waren sowie No-go-Areas und Supermärkte. Da er zwei Semester in Berlin und München studiert hat, sprach er sogar ein wenig Deutsch. Es war nett mit ihm.

Sonne und strahlend blauer Himmel!

Im Dezember hat es in Athen zwischen 8 und 15 Grad. Das Gute: Tagsüber scheint fast immer die Sonne, was unsere Stadterkundungen sehr angenehm machte. In Exarchia sind viele Häuser mit Brettern verriegelt, stehen leer. Auch liegt viel Müll auf der Straße und die Straßenbeleuchtung ist eher sparsam ausgerichtet. Gleichwohl hatten wir nie Angst. Zentral in Exarchia liegt ein Platz, wo abends viele Menschen um offene Feuer versammelt sind, und wir tagsüber bei griechischen Händlern Honig mit Walnussstückchen kauften.

Teurer Kaffee

Ein wenig stutzig waren wir nur über die Kaffeepreise in unserem Viertel. Zwischen all den leerstehenden oder besetzten Häusern bezahlten wir teilweise über vier Euro für einen Cappuccino oder einen Milchkaffee. Das war ein wenig grotesk. Auch in einer Musikkneipe lagen die Preise für einen Cocktail oder einen Gin Tonic bei 6,90 Euro. Aber überall waren Griechen, die sich mit ihren Getränken gesellig unterhielten und es sich scheinbar irgendwie leisten können.

Leckeres Essen!

Wir waren ausschließlich in Exarchia essen. Dort gibt es viele tolle Restaurants, die verteilt über das Viertel liegen. Im Gegensatz zu den Getränkepreisen waren die Gerichte verhältnismäßig günstig. Wir bezahlten zu zweit nie mehr als insgesamt 30 Euro für Vorspeisen, Hauptgericht und Wein. Wir probierten Pie mit Honig und Schafskäse aus Kreta, Zucchini-Kroketten, Salat mit Walnüssen und Feta oder auch Gyros Pita.

Am Samstagmorgen war direkt vor unserer Haustür außerdem ein großer Bauernmarkt, wo es ein Kilogramm Orangen für weniger als einen Euro gab. Auch Tomaten und Oliven waren dort super günstig.

Geschichte, Geschichte, Geschichte

Unsere Erkundungstour war bunt gemischt. Wir liefen natürlich hoch zur Akropolis und bestaunten dort die historischen Monumente. Für die Akropolis und das Dionysostheater kostet der Eintritt zusammen in den Wintermonaten statt 20 nur 10 Euro. Auch beim Tempel von Zeus bezahlten wir nur die Hälfte (drei statt sechs Euro). Wir waren beeindruckt von den antiken Bauten.

Trubel!

Zeit verbrachten wir außerdem im Montastiraki-Viertel. Dort gibt es auf einem großen Markt zahlreiche Antiquitäten und sonntags einen Flohmarkt. Leider direkt an der Straße und auf sehr schmalen Gehsteigen. Es war unfassbar stressig, dort entlang zu laufen. Generell ist es in diesem Viertel sowie rund um den zentralen Syntagma-Platz sehr hektisch. Wir waren immer sehr froh, wenn wir wieder in Exarchia ankamen.

Einblick in die Realität

Auch unser Tages-Ausflug zur Hafenstadt Piräus war alles andere als erholsam. Wer in Athen mit dem Bus fahren möchte, dem können wir nun sagen: Das Ticket vorher an den Kiosks in der Nähe der Bushaltestelle kaufen. Wir wussten das nicht, stießen auf einen griechischen Busfahrer, der des Englischen nicht mächtig war, und nur verstört schaute, als wir bei ihm bezahlen wollten. Letztlich mussten wir wieder aussteigen und auf den nächsten Bus warten.

Rund um die Metro-Station „Piräus“ wird außerdem das Ausmaß der griechischen Krise sehr deutlich. Dort ist es sehr hektisch, enge Wege, Rempeleien, Armut. Auf dem Boden lagen Menschen mit Kindern, völlig ausgezerrt. Ständig wurden wir von Männern angesprochen, um Geld gebeten, die Stimmung rutschte in den Keller. Auch wenn die Aussicht auf das Wasser beim Sonnenuntergang wunderschön war.

Zur Abwechslung: eine kleine Wanderung

Sportlich war unser Anstieg auf den Lykabettus-Hügel. Da uns Romanos davon abriet, mit der teuren Seilbahn hochzufahren, bewältigen wir den steilen Weg zu Fuß. Eine Herausforderung, die Panorama-Sicht auf Athen entschädigte jedoch.

Wie im Sommerurlaub!

Weiße Häuser wie auf der Insel Santorini gibt es in der Altstadt, der Plaka. Dort spazierten wir auf einen Aussichtspunkt, liefen durch die kleinen Gassen und aßen in einem kleinem Café Lemon-Pie – für fünf Euro das Stück und 4,50 Euro für den Milchkaffee. Diese Preise ließen erneut Fragzeichen im Kopf aufploppen. Stehen in der englischen Karte andere Zahlen als in der griechischen? Wir mutmaßten.

Toll!

An unserem letzten Abend landeten wir im kleinen Restaurant Atitamus in Exarchia und bekamen von der freundlichen Bedienung als Dankeschön noch einen Wein umsonst. Es war der Schlusspunkt einer Reise, die ein wenig abenteuerlich war, bei der wir vielen netten Menschen begegneten und ich eine wunderbare Begleitung an meiner Seite hatte.

 

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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