15. Januar 2017

Heimat: “Ein Abend bei ‘Wie der Soldat das Grammofon repariert'”

Flucht und Ankommen

Apathisch sitzt Aynur in einem kargen, grauen Kellerraum, lässt Murmeln über den Rand einer weißen Emaille-Schüssel fahren, dann schaut sie auf, ihr Blick wandert zunächst umher, bleibt dann aber bei mir hängen, verharrt dauerhaft, aus Sekunden wird eine Ewigkeit. Grenzen verschwimmen, Aynur ist mir plötzlich ganz nah, ihr trauriger Blick, ihre Standhaftigkeit, es ist kaum auszuhalten.

Aynur ist eine von sechs Karlsruhern unterschiedlichster kultureller Herkunft, die derzeit in „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ am Badischen Staatstheater mitwirken. Basis der inszenierten Rauminstallation ist das Buch des bosnischen Autors Saša Stanišić, der in den 1990er-Jahren aus seiner Heimat nach Deutschland floh und seine Geschichte in einem teils autobiografischen Roman verarbeitete.

Alaa Hudaifa und Aynur Mammadova. Fotocredit: Felix Grünschloß

Partizipation!

„Wie der Soldat das Grammofon repariert“ ist eingebettet in die jüngste Sparte des Staatstheaters, in das „Volkstheater“. Die Idee dahinter: Professionelle Theatermenschen arbeiten mit Karlsruher Bürgern zusammen, erschaffen gemeinsam ein Stück – unter der Leitung von Beata Anna Schmutz. „Es geht um Teilhabe“, sagt sie mir. Was bewegt die Menschen in Karlsruhe? Und wie können diese Gedanken Platz auf der Theaterbühne finden? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des „Volkstheaters“.

Beata Anna Schmutz. Fotocredit: Felix Grünschloß

Leben zwischen zwei Welten

Die sechs Karlsruher spielen bei „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ so auch keine Rollen, sondern rezitieren Passagen aus dem Buch von Saša Stanišić. Aber nicht ausschließlich: Die Monologe aus dem Buch sind gemischt mit ihren eigenen Erfahrungen. Ihr zentrales Thema: Flucht, gepaart mit dem Ankommen in einem neuen Land. Alaa Hudaifa kam beispielsweise 2015 von Syrien nach Deutschland, Damir Hadžimehmedović im April 1992 von Bosnien nach Frankfurt.

Erinnerungen und Erfahrungen

„Wir haben Ende September begonnen, miteinander zu reden und dadurch Material zu sammeln“, erläutert Leiterin Beata Anna Schmutz. Wer bringt welche Geschichte mit? Was gibt es bei den Mitwirkenden für Charakteristika, aber auch Schnittstellen? Das galt es herauszufinden.

Entstanden sind auf der Bühne dann vier verschiedene Erinnerungsräume, in denen der Besucher frei umherwandern kann – in einer Küche, in einem Wohnzimmer, in einem kargen Keller und am Ufer der Drina, einem Fluß, der durch Bosnien fließt – alles umrahmt von treibenden Beats, die aus den Lautsprechern wummern und einem Video, das hoch oben über die Wand flimmert. Außerdem stehen in einem langen Gang Gegenstände, an denen die Erinnerung des Protagonisten aus dem Roman sowie der Mitwirkenden hängt. Darunter: ein Grammofon, ein Donald Duck-Buch, Sonnenblumenkerne, eine goldene Uhr, ein Pass.

Fotocredit: Felix Grünschloß

Bosnien – Deutschland – Bosnien – Deutschland

Damir Hadžimehmedović sitzt zu Beginn der Vorstellung an der Drina, isst Sprotten. Er war gerade acht Monate alt, als seine Mutter mit ihm aus dem belagerten Sarajevo floh. „Sie setzte sich mit mir in einen Bus – ohne genau zu wissen, wo unser Ziel sein wird“, erzählt er mir. In Deutschland stiegen sie aus. Seine Mutter, eine Architektin, lernte schnell die Sprache, fand einen Job – und trotzdem mussten sie gehen, als Damir sechs Jahre alt war. „Zurück in Bosnien, bauten wir uns wieder ein neues Leben auf“, erinnert er sich. Damir machte sein Abitur in dem von Krieg zerrütteten Land, beschloss dann mit 18 Jahren wieder nach Deutschland zu kommen und studiert nun am Karlsruher Institut für Technologie Architektur. „Ein endgültiges Ankommen gibt es für mich nicht“, sagt der 25-Jährige. Leben ist Wandel für ihn.

Damir Hadžimehmedović. Fotocredit: Felix Grünschloß

Intensive Blicke

Besonders ist: Alle sechs Mitwirkenden suchen während der inszenierten Rauminstallation immer wieder den intensiven Blickkontakt mit den Besuchern. „Wir wollen Nähe schaffen, keine Distanz wahren“, erklärt Beata Anna Schmutz. Schließlich leben in der Gesellschaft die Menschen auch miteinander und begegnen sich.

„Wie der Soldat das Grammofon repariert“ ist dadurch sehr intensiv, bewegend, anders. Und durch das Zusammenspiel von Musik und den Videosequenzen  facettenreich und modern. Es sind 90 Minuten, die sich sehr lohnen.

Info:

Die nächste Vorstellung ist am Samstag, 21. Januar.

Weitere Termine sind hier abrufbar: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/termine/2443/

Fotocredit: Felix Grünschloß

Damir Hadžimehmedović und Maximilian Zschiesche. Fotocredit: Felix Grünschloß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam