18. Januar 2017

Heimat: “6 x Heimat”

Was ist Heimat?

Kuckucksuhren, Bollenhüte oder schnulzige Filme, die eine heile Welt vorgaukeln: Noch vor wenigen Jahren kamen mir beim Begriff “Heimat” zuerst solche Assoziationen in den Kopf. Seit ich aber einige Male Umzugskisten packte, bekam ich ein neues Bewusstsein dafür, was es heißt, irgendwo daheim zu sein. Darüber habe ich im vergangenen Jahr bereits geschrieben: https://dieschreibmaschine.net/2016/10/13/heimat-karlsruhe/

Dieses Jahr sind nun auch die Heimattage in Karlsruhe. Deshalb habe ich andere Menschen aus Karlsruhe mal gefragt, was für sie Heimat eigentlich ist. Hier sind sechs Antworten:

Mira Sturm

Das ist Mira. Sie steht hinter dem Blog minglemangle und ist unter diesem Namen auch bei Instagram zu finden.

Home is where the heart is / Home is wherever I’m with you / Home is where the bra comes off …
…das sind alles kitschige Sprüche, die man gerne auf bildlastigen Social Channels findet. Aber wenn ich ehrlich bin, ist ja irgendwie doch was dran. Mit meinen fast 31 Jahren durfte ich schon viel von der Welt sehen – und zugegeben, mich ZUHAUSE zu fühlen, ist mir noch nicht mal am entlegensten Ort wirklich schwer gefallen.

Es mag an kulturell bedingter Gastfreundschaft des Landes oder an meiner Begeisterungsfähigkeit liegen, aber ich hätte es mir im Zweifel überall auf lange Zeit schön machen können. Wenn da nicht dieser kleine feine Unterschied wäre, dass ich dort eben niemals DAHEIM gewesen wäre.

“Heimat” war nämlich vielmehr das Gefühl, das sich einstellte, wenn ich wieder im Flieger nach Hause saß. Spätestens nach der ersten Wehmut über die endende Reise, kam ein Gefühl von Freude auf: Freude auf daheim, auf die Menschen mit denen ich mich gern umgebe, die mich kennen und denen ich vertraue, auf die eigenen vier Wände, in denen alles erlaubt ist und nichts gerechtfertigt werden muss, auf bekannte Wege, Stammkneipen und diese Sicherheit, die einen umgibt, wenn man sich in seinem Umfeld bewegt. In meinem Fall findet sich all das in Karlsruhe – ein glücklicher Zufall, um ganz nebenbei noch eine Ode an die geliebte Fächerstadt zu singen. Heimat ist für mich Herkunft, hier habe ich mich gebunden und mein soziales Umfeld geknüpft, hier baue ich auf und hier investiere ich in meine Zukunft. Hier kann ich mich identifizieren, den Großteil meiner Zeit verbringen, ohne mich zu langweilen und hier ist mein Refugium, wenn ich mal keine Lust habe die Welt zu entdecken.

(www.minglemangle.de und www.instagram.com/minglemangle.de/)

Benni Bambule

Das ist Benni (rechts). Er ist Pressesprecher bei einer Behörde und ist auch als DJ unterwegs.

Es gibt Leute, die sagen: Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Was aber, wenn man beides zuordnen kann? Meine Heimat ist Karlsruhe. Das war es schon immer und ich kann mir vorstellen, dass das auch so bleibt. Sowohl als Örtlichkeit als auch als Gefühl. Wenn ich im Urlaub bin, bemerke ich auch an den Dingen, die mir fehlen, was mein Heimatgefühl ausmacht. Hier die Top 10:

  • 3-lagiges Toilettenpapier
    Diese Errungenschaft ist das Eichmaß der Zivilisation und ein unentbehrlicher Begleiter in allen Lebenslagen. Meiner Meinung nach sollte es in jedem Schwellenland diesen Hygieneartikel geben, wahlweise auch 4-lagig.

 

  • Laugenbrötchen
    Der Alptraum eines jeden Reisenden, der länger unterwegs ist: das tägliche Konsumieren von Toastscheiben zum Frühstück. Liebe Welt, was ist los? Wir Deutschen sind doch Exportweltmeister. Warum haben unsere Laugenbrötchen den Siegeszug in die freie Welt bisher verpasst? Unverständnis.

 

  • Wasser aus dem Hahn trinken
    Von einem lange verjährten Schulausflug zum Karlsruher Wasserwerk weiß ich noch: Karlsruher Trinkwasser ist gesund und voller Mineralien. Kalk sei Dank, denke ich mir. Zuhause habe ich deshalb auch einen Heimwassersprudler. Das gute Karlsruher Wasser aus dem Hahn fehlt mir, wenn ich auf Reisen bin.

 

  • Polemisches Fußballfachgesimpel bei schalem Bier aus Mehrwegbechern im Wildparkstadion
    Ich bin zwar in letzter Zeit immer seltener im Wildparkstadion anzutreffen. Wenn ich es aber doch mal wieder schaffe und mit meiner 20-köpfigen Crew bei lauwarmem Bier in der Halbzeitpause hinter dem A1-Bereich so sehr ins Reden komme, dass wir nicht wieder zurück ins Stadion gehen – dann fühle ich mich daheim.

 

  • Schroffe Herzlichkeit der Metzgereifachverkäuferin
    Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr als Kunde von der Metzgereifachverkäuferin in einer Feldwebelmanier angeschnauzt werdet? Herzergreifend. Das ist Heimat pur.

 

  • Beim Befüllen der Altpapiertonne von Nachbarn gemaßregelt zu werden
    Auch das ist für mich ein elementares Gefühl von heimatlicher Nächstenliebe. Dabei spielt es keine Rolle, dass man der Nachbarin versucht zu erklären, dass es sich doch um haushaltsübliche Altpapiermengen handelt und man in Zukunft versucht, sein Origami-Know-How anzuwenden. Ein Kissen am Fenster, die Ellenbogen darauf gestützt, den Hauskater im Arm und Gift versprühend, sobald der Nachbar in Sichtweite ist – auch das ist Heimat.

 

  • Straßenreiniger mit Turbinengebläse, die die Straße freipusten
    Liebes Straßenreinigungspersonal, ich habe durchaus Verständnis dafür, dass ihr voller Ekstase, Leidenschaft und Stolz euer Turbinengadget feiert. Aber ein stockordinärer Besen tut es doch auch, oder?! Nach Stunden am Flughafen und der ersten Nacht im heimischen Bett, habe ich euch morgens um 6.50 Uhr sehr vermisst. Besten Dank auch für dieses Gefühl, wieder in der Heimat zu sein.

 

  • Sprachbarrieren
    Ein schlauer YouTuber sagte mal: Heimat ist da, wo man schwetzen kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Word!

 

  • Bei einem 15-minütigen Fußmarsch die Stadt erkunden
    Wenn ich Freunde besuche, die beispielsweise in Berlin wohnen, dann sitze ich gefühlt den halben Tag in irgendwelchen öffentlichen Verkehrsmitteln, weil der Weg in die nächste Bar oder zum nächsten Kumpel „nur“ 45 Minuten mit Bahn und Bus entfernt ist. Danke Karlsruhe, für deine Fußläufigkeit :-*

 

  • Subtropische Hitze und 100% Luftfeuchtigkeit
    Danke, lieber Oberrheingraben. I love you!

 

Miriam Seier

Das ist Miriam. Sie steht hinter dem Blog “Miris Jahrbuch” und postet unter diesem Namen auch Bilder auf Instagram.

Wenn mein Mann und ich von einer kurzen oder langen Reise über die Autobahn nach Karlsruhe zurückkehren, sagt meistens kurz vor der Autobahnabfahrt einer von uns: „Da, der Turmberg. Wenn man den Turmberg sieht, ist man fast zu Hause.“ Wir biegen dann von der Autobahnabfahrt Richtung Durlach, wo wir wohnen, ab und halten eine ganze Weile ziemlich genau auf den Turmberg zu – und kurz darauf sind wir dann endlich wieder zu Hause.

Ein Zuhause und eine Heimat sind nicht unbedingt die gleiche Sache; man kann jahrelang an einem Ort wohnen, ohne dass er zur Heimat wird, und man kann Heimat fühlen, ohne sie mit einem festem Ort zu verknüpfen. Für mich ist aber in den letzten Jahren beides immer mehr zusammengeschmolzen und, ohne dass ich es so richtig bemerkte, ist Karlsruhe von meinem Wohnort zu meiner Heimat geworden.

Hier finde ich die Konstanz und die Ruhe, die ich brauche und die mich erdet. Hier sind meine Menschen oder hierher kommen sie, wenn sie zu mir wollen. Hier ist meine vertraute Umgebung und egal, wie dringend ich manchmal weg will, hierher komme ich gerne wieder zurück.
Hier ist meine Heimat und deshalb gehe ich, nachdem ich nach Hause gekommen bin, eigentlich immer sofort in die Küche und schaue kurz auf den Turmberg.

(http://mirisjahrbuch.com und https://www.instagram.com/mirisjahrbuch/)

Jörg Martin Hartmann

Das ist Jörg. Er ist Teil der Literatengruppe “beschriftet” und hat ein Rap-Projekt namens Opa Jott.

Als ich hierher zog, fand ich Karlsruhe und „die“ Karlsruher doof. Nie hätte ich gedacht, dass diese Stadt und ihre Bewohner so etwas wie ‚Heimat‘-Gefühle in mir wecken würden. Aber: es ist passiert. Zögerlich.

Es begann – ganz banal – während des zweiten hier erlebten Frühlings. Gut verpackt radelte ich durch die Stadt, als die Sonne es wagte, ihre Strahlen auf die dunkle Krume der von der Stadt bestellten Beete zu richten. In den nächsten Wochen fieberte ich mit, wie aus den grünen Schösslingen, die aus ihrem unterirdischen Winterschlaf geweckt worden waren, farbenfrohe Blumen heranwuchsen. Derlei angetaut begegnete ich auch immer öfters Menschen, die mir und denen ich wohlgesonnen war. Die neben ihren Eigenheiten auch manches Interesse und manche Ansichten mit mir teilten oder anregend in Frage stellten.

Und so, wie sich meine Augen für die Blumen geöffnet hatten, fand ich auch eine Handvoll kleinerer Clubs, nischiger Veranstaltungen und netter WGs. Ich begann, das Karlsruher Nebeneinander von Hochkultur und off-Space Art zu verstehen – und mitzuerleben: Vanguarde traf Oper, ZKM traf ßpace, KIT traf Zwischenraum, Akademie traf Nordbecken und Konzerthaus traf Fettschmelze. En passant entstand so über die vergangen Jahre ein Netzwerk aus vielen unterschiedlichen Personen.
Der Heimatbegriff, für den ich mich daher stark mache, bezieht sich nicht auf eine geografisch umreißbare Fläche, die zwischen ‚uns hier‘ und ‚denen da‘ unterscheidet. Er bezieht sich auf ein Miteinander aus Handlungen, auf die gemeinsame Arbeit an den ‚Beeten‘ und ‚Nischen‘ der Stadt. Dieses gemeinsame Aufblühen lassen ist der Grund, warum ich Karlsruhe und ‚die‘ Karlsruher inzwischen doch mit so etwas wie mit Heimat-Gefühlen verbinde.

Constanze Wohninsland

Das ist Constanze. Sie ist Theaterpädagogin und steht hinter dem Blog “Das wunderbare Leben”.

Heimat. Je länger ich hier vor dem weißen Bildschirm sitze und den blinkenden Cursor anstarre, um mir klar zu werden, was Heimat eigentlich ist, desto weniger weiß ich es. Das Einzige, was mir klarer wird, ist, dass es nicht, naja, kaum zu beschreiben ist.

Einerseits bedeutet Heimat wohl für jeden etwas anderes, es kann einen Ort, ein Gefühl, einen Geruch, eine Erinnerung, eine Zugehörigkeit zu Menschen beschreiben oder eben eine Mischung aus all dem und noch viel mehr. Andererseits wandelt sich unser Bild von Heimat wohl auch ständig, nicht nur darüber, wie sich unsere Welt, unsere Umwelt verändert, sondern auch weil wir uns selbst im Laufe unseres Leben verändern und sich das, was für uns Heimat ist, mitverändert.

Während meiner Kindheit war meine Familie, mein Elternhaus, mein Dorf ganz klar meine Heimat. Das wurde dann immer mehr aufgebrochen, erweitert. Dennoch wird die Pfalz mit der Natur, den Menschen und dem großartigen Dialekt immer meine Heimat sein. Freundschaften kamen und gingen, erste Lieben kamen – und gingen. Neue Orte kamen dazu – und gingen. Oder vielleicht nicht komplett? Denn obwohl ich zum Beispiel nicht mehr in der Stadt wohne, wo ich fünf Jahre studierte, überkommt mich ein heimeliges Gefühl, wann immer ich es schaffe, hinzufahren. So geht es mir auch mit Menschen, bei manchen spielt es keine Rolle, ob man sich selten sieht, das Gefühl ist immer noch wunderbar.

Dann kam vor einigen Jahren eine neue Liebe in meinem Leben hinzu – sie blieb und plötzlich veränderte sich wieder meine Heimat, dahin eben, wo der Mensch ist, den man gewählt hat. Und mit der neuen Liebe kam irgendwann auch wieder ein neuer Ort dazu –  und ist noch da, wird es aber nicht ewig bleiben. Dadurch weiß ich jetzt schon, dass sich die Heimat dann wieder verändern wird.

Na gut, unsere Wohnung zur Heimat zu machen, daran arbeite ich. Aber die Lage derselbigen hat geholfen, meinen Heimatbegriff um ein gutes Stück zu erweitern: Die Nähe zu Karlsruhe hat meinem Mann und mir nicht nur das Kennenlernen einer neuen Stadt beschert, sondern gleich eine Reihe neuer Freunde, bei denen ich weiß: Egal, wie selten wir uns sehen, das Gefühl ist immer wunderbar.

(http://weil-das-leben-wunderbar-ist.blogspot.de und https://www.instagram.com/daswunderbareleben/)

 Pascal Bremmer

Das ist Pascal, er ist freier Texter und Gründer des Vereins “SOUP DU JOUR”.

Heimat ist nicht viel mehr als ein Gefühl oder ein Nicht-Gefühl, das durch Verörtlichung anfassbar gemacht wird. Ich hatte schon einige Varianz, was meinen Wohnsitz anbelangt. Aber die alleinige Tatsache, dass mein Bett dauerhaft im gleichen Raum steht, weckt bei mir keine sonderlichen Emotionen. Jeden Tag die gleichen Straßen, Plätze und auch Gesichter zu sehen, setzt mir sogar manchmal ziemlich zu.

Ich wehre mich dagegen, dass Heimat immer ortsgebunden sein muss. Um mich zu erklären, möchte ich ein Zitat aus der mittelguten Serie “Wilfred” anführen: “I’m a social butterfly, I need to be where the people dance”. Und gefeiert habe ich schon an so vielen Plätzen auf immerhin drei Kontinenten. Wenn ich ausgelassen sein darf und mich nicht verstecken muss, dann bin ich mir selbst am nähesten. Und wo, wenn nicht dort, ist man dann zuhause?

(www.soup-du-jour.de und www.pascalbremmer.de)

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Und was ist für euch Heimat?

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4 thoughts on “Heimat: “6 x Heimat”

  1. Jessica sagt:

    Toller Artikel.
    Jetzt vermiss ich Karlsruhe noch ein Stückchen mehr <3

  2. Prinz William sagt:

    Nachdem meine zukünftigen Untertanen durch den Brexit etwas die Verbundenheit mit Europa vernachlässigen liest es sich vorzüglich wenn es zumindest in Karlsruhe noch eine gewisse Heimatverbundenheit gibt.
    Nur mein Bruder Harry ist etwas enttäuscht, dass er nicht zum Interview gebeten wurde. Ist das etwa die feine englische Art?

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Leider liegen mir seine Kontaktdaten nicht vor…

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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