28. Mai 2017

Heimat: “Ein Nachmittag im Lebowski”

Trauer über das Carambo-Aus

Als ich hörte, dass das Carambo schließt, stand meine Welt kurz still. Erinnerungsfetzen blitzten wild in meinem Kopf auf – von all den durchtanzten Nächten zwischen Vintagesofas, abstrakten Kunstwerken und Billardtischen. Von den Knutschereien mit mehr oder weniger bekannten Gesichtern und den Nacht-Flohmärkten. Das Carambo war meine erste Anlaufstelle, als ich vor neun Jahren nach Karlsruhe zog – nur fünf Minuten von meiner ersten WG entfernt, war es schnell wie ein Wohnzimmer, in dem das Wochenende schon mittwochs begann.

Die Nachricht, dass es nun für immer seine Türen schließen wird, machte mich traurig, melancholisch, wehmütig. Auch wenn ich bereits seit drei Jahren kaum mehr dort gewesen war, hatte diese endgültige Nachricht doch etwas Schweres, Endgültiges, zack, aus, vorbei.

Es geht weiter, Hoffnung!

Als ich nun vor wenigen Wochen in Berlin zur Fortbildung war, erzählten mir meine Kolleginnen am Frühstückstisch: „Miriam, weißt du eigentlich schon, dass das Carambo wieder öffnet?!“ Nein, das wusste ich nicht. „Es wird ,Lebowski’ heißen“, verrieten sie mir. Und dass es dort bereits im April Bautellen-Partys gab.

Hoffnung keimte in mir auf: Vielleicht gibt es bald doch wieder einen Club in Karlsruhe, in dem meine geliebte Indie-Musik läuft – nicht primär Elektro oder House, womit ich nie richtig warm werden konnte. Ein Club, ohne viel Schnick-Schnack, sondern zum Wohlfühlen, Abhängen, ohne Dresscode, wo man einfach sein kann.

Ich klickte mich durchs Netz, entdeckte erste Artikel über das „Lebowski“ und schnell war klar: Nein, ein zweites Carambo wird es nicht geben. Susan und Jakob, die neuen Besitzer, planen etwas komplett anderes. Kein Indie-Laden. Schade, aber was kommt dann? Ich wollte mir selbst ein Bild machen, schrieb den Beiden, am Wochenende klappte nun das Treffen. Ich schaute im „Lebowski“ vorbei.

Ein Besuch im “Lebowski”

Schon die Fassade des Gebäudes an der Kaiserstraße 21 zeigt den Wandel: Das „Lebowski“-Schild ist schon angebracht, der Schmerz in Karlsruhe aber noch groß: „Wir vermissen dich Carambo!!“, hat jemand mit schwarzem Marker auf die Eingangstür geschrieben.

Das sind Jakob und Susan.

„Verrückt“, ist mein erster Gedanke, als mir Susan die Tür öffnet und ich eintrete. Alles, was ans Carambo erinnerte, ist weg. Fast. Außer einer provisorischen Garderobe steht noch eine alte Vintage-Couch im vorderen Raum, ein kleiner Tisch und: ein großer Kamin. „War er vorher schon da?“, frage ich Susan verwundert. „Ja“, sagt sie und lacht. „Er ist aber scheinbar kaum jemanden aufgefallen.“

Digitalisierung erhält Einzug im „Lebwoski“

Susan ist 25 Jahre alt und hat Hotel- und Gastronomiemanagement studiert, ihr Freund Jakob ist fünf Jahre älter und hat mit einem Kumpel die DJ-Agentur „B&J Events“ in Heidelberg gegründet. Außerdem hat er zwei Start-ups in Leben gerufen, unter anderem eine digitale Gastronomie-Karte, die nun auch im „Lebwoski“ zum Einsatz kommt. Lange Wartezeiten auf Kellner sind so nicht mehr notwendig, Gäste können über ein Tablet am Tisch bestellen. Susan und Jakob verknüpfen so perfekte Synergien, um einen Club zu eröffnen.

„Wir haben schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen eigenen Laden zu eröffnen“, erzählt mir Susan. Es war Max, der Bruder von Jakob, der zufällig Anfang 2017 sah, dass für das Carambo nach über einem Jahr noch immer kein neuer Mieter gefunden war. Das Paar schaute sich die insgesamt 250 Quadratmeter großen Räume an, überlegte kurz, sagte ja. „Der neue Vermieter hat das Hauses kernsaniert“, sagt sie. „Der Boden, die Toiletten, die Wände – alles ist komplett renoviert.“

Der derzeitige “Baustellen”-Zustand

Hier soll der Biergarten entstehen.

Café, Bar und Club: Retro meets Industrial

Das „Lebowski“ soll aber nicht nur Club, sondern auch Café und Bar sein. „Wir werden jeden Tag um 9 Uhr öffnen und im vorderen Bereich Frühstück anbieten sowie kleine Snacks“, zählt Susan auf. Gemütlich im Retro-Stil soll es dort deshalb werden – mit Couches und Sitzbänken, die über den langen Gang gehen. „Wir haben etwa 140 Plätze“, rechnet Susan zusammen. Außerdem wird es im Hof einen Biergarten geben.

Dreimal die Woche, mittwochs, freitags und samstags, öffnet dann außerdem fix der hintere Teil, wo früher die Billardtische standen. DJs legen dort auf. Am Mittwoch gemischte Musik, am Wochenende vorrangig House und Elektro. „Im Vergleich zum vorderen Bereich wird es hinten cleaner sein – rauer und alles im Industrial-Stil gehalten“, verrät Susan. Unter der Woche wird es flexibel auch noch weitere Club-Abende geben – je nachdem, was gerade ansteht.

Die Eröffnung soll im Juli sein, ein genauer Termin steht aber noch nicht fest. „Es gibt noch einiges zu tun, aber wir freuen uns schon sehr“, sagt die 25-Jährige. Natürlich habe sie aber auch schon bemerkt, dass die Trauer über das Aus des Carambos groß ist und es Skepsis gibt.

Ein Leerstand ist auch keine Lösung

„Wir können nichts dafür, dass das Carambo schließen musste“, sagt Susan. Außerdem: Die Location stand nun ein Jahr lang leer, niemand wollte sie haben. „Wir möchten nun etwas komplett Neues schaffen, bewusst keine Fortsetzung des Carambos“, sagt sie dann. „Es wäre schön, wenn wir eine Chance bekommen.“

Loslassen!

Ich verstehe sie. Als ich nach 45 Minuten wieder nach draußen gehe, weiß ich, dass der Club wohl nichts für mich sein wird. Aber das Café vielleicht schon. Ich werde auf jeden Fall dort vorbeischauen. Und vielleicht ist es mit dem Carambo wie mit einer Beziehung, die am Ende ist. Aufwärmen hilft meist nichts, ein 2.0 scheiterte selbst beim Radio Oriente.

Manchmal ist es besser, loszulassen, das Neue nicht mit dem Alten zu vergleichen. Das Gute ist ja: Die Erinnerungen an die wunderbaren Zeiten im Carambo sind fest in mir, sie kann mir niemand nehmen.

Und was meint ihr?

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One thought on “Heimat: “Ein Nachmittag im Lebowski”

  1. Hobitz sagt:

    War am Wochenende kurz dort.
    Räumlichkeiten haben Potential, allerdings sollte ein wenig Nachbessert werden (z. B. extrem kleines Waschbecken in der Herrentoilette).

    Konzept?!? Dürfte mein abgebrochenes Bier in der Glasflasche nicht mit auf den Heimweg nehmen….

    Musik nicht gut. Bzw. nicht mein Geschmack. Man muss gezielt zu bestimmten Events gehen.

    Das Publikum war extrem Jung. Kenne das Carambo als Studentenkeneipe und nicht als Jugendzentrum…
    Altersgrenze?

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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