31. Juli 2017

Fernweh: “Ein Tag in Jerusalem”

Jerusalem – ein Tag voller unglaublicher Eindrücke

Punkt 6 Uhr klingelt der Wecker. Puuh. Unser Ausflug nach Jerusalem beginnt früh. Um möglichst viel an einem Tag sehen zu können, haben wir uns für eine geführte Tour mit dem Anbieter „Viator“ entschieden. Eines der teuersten Angebote, aber dafür auch eines der umfangreichsten. Auf uns wartet ein Tag voll gepackt mit Geschichte, Religion und unglaublichen Bildern. Es ist so bewegend, dass der Ausflug selbst Monate später noch unglaublich präsent in meinem Kopf ist.

Anekdoten von Yoda

Um kurz nach 7 Uhr werden wir von einem Mini-Van nahe unserer Airbnb-Unterkunft in Tel Aviv eingesammelt. Es ist Sonntag und noch relativ ruhig in der Stadt, so kurven wir gemütlich von Hotel zu Hotel, holen weitere Menschen ab, legen nochmals kurz einen Stopp ein – bevor es dann in einem großen Reisebus nach Jerusalem geht.

Unser Guide heißt an diesem Tag Yoda. Ein gemütlicher, älterer Herr, der auf der Fahrt die Geschichte Israels nochmals zusammenfasst, von den derzeitigen politischen Spannungen erzählt und den Besonderheiten des Landes – beispielsweise vom Wassermangel im Jordantal oder dem Export der Jaffa-Orangen.

Chaos auf den Straßen

Alles läuft problemlos, bis wir Jerusalem erreichen, dann herrscht ein völliger Overkill auf der Straße. Hupen, bremsen, fluchen, unser Busfahrer gibt alles. Dauerte es von Tel Aviv bis zur Hauptstadt 90 Minuten, quälen wir uns nun nochmals die gleiche Zeitdauer in der Stadt im Schneckentempo Richtung Ölberg voran. Yoda bleibt relaxt, unterhält mit Anekdoten und weist immer wieder auf die Grenzen hin, die bis zum Sechstagekrieg 1967 in der Stadt verliefen.

Die Spannungen sind bis heute in der Stadt geblieben. In Jerusamlem leben viele ultraorthodoxe Juden und Muslime nebeneinander, aber meist nicht miteinander. Es gibt sogar ein Stadtviertel, Me’a Sche’arim, in dem fast ausschließlich ultraorthodoxe Juden wohnen und Jiddisch sprechen. Am Shabbat dürfen dort keine Autos fahren, elektrische Geräte können dann nur sehr begrenzt benutzt werden. Und für Frauen gelten generell sehr strenge Kleidungsvorschriften, die auch nochmals auf Hinweisschildern in den Straßen zur Mahnung hängen. Ich habe in meinem ganzen Leben insgesamt noch nicht so viele Frauen mit Perücken gesehen, wie in den sechs Tagen in Israel.

Panoramasicht vom Ölberg aus

Am Ölberg angekommen, haben wir eine tolle Panoramasicht auf den Tempelberg und den Felsendom mit der goldenen Kuppel. Der Blick auf diesen so umstrittenen Ort ist unwahrscheinlich beeindruckend. Lange bleiben wir dort aber nicht, wir haben nur kurz Zeit, Bilder zu machen, dann geht es weiter mit dem Bus in Richtung Altstadt.

Berg Zion: Dormitio-Kirche, Abendmahlsaal, Davidsgrab

Eine mächtige Stadtmauer umschließt die Altstadt, die auch UNESO-Weltkulturerbe ist. Unterteilt ist sie in fünf verschiedene Bereiche: in ein christliches, muslimisches, armenisches, jüdisches und marokkanisches Viertel. Wir starten mit unserer mehrstündigen Erkundungstour in der Dormitio-Kirche, die sich auf dem Berg Zion befindet, der knapp außerhalb der Stadtmauer liegt. In der römisch-katholischen Kirche soll Maria gestorben sein.

Von dort aus laufen wir weiter zum nahe gelegenen Abendmahlsaal, wo Jesu kurz vor seiner Kreuzigung ein letztes Mal mit den Jüngern speiste. Im gleichen Gebäude befindet sich im unteren Geschoss auch das Davidsgrab – eine der heiligsten Stätten des Judentums.

Cardo

Dann endlich passieren wir die mächtige Stadtmauer und befinden uns mitten im jüdischen Viertel. Unser erster Stopp ist dort der Cardo. Das ist die ehemalige Hauptstraße aus römisch-byzantinischer Zeit, die sich vier Meter unterhalb des Viertels befindet. Auf einem rekonstruierten Abschnitt sieht es dort heute wieder so aus wie vor 1.500 Jahren. Es gibt unter anderem Wandmalereien und zahlreiche Säulen.

Rechts ist Yoda zu sehen.

Die Klagemauer

Vom Cardo aus bringt uns Yoda dann zu einem ganz besonderen Ort, der Klagemauer. Überall sind dort an diesem Tag Soldaten zu sehen. Der Grund: Am Abend findet eine Zeremonie zum Gedenken der gefallenen Soldaten statt. Es ist eine merkwürdige Situation, junge Männer, die lachend in der Sonne stehen – aber mit Uniformen und schweren Maschinengewehren. Trotz dieser Kulisse kommt aber keine Unruhe in mir auf, wir müssen nämlich eine strenge Sicherheitskontrolle durchqueren, bevor wir direkt zur Klagemauer dürfen. Dort Waffen durchzuschmuggeln, ist nahezu unmöglich.

Die Klagemauer ist unterteilt: links beten die Männer, rechts die Frauen. Muslime stehen neben Juden, wir mittendrin. Es ist eine bedächtige Stimmung und überall liegen kleine Papierzettelchen auf dem Boden, die aus den Ritzen der Wand gefallen sind.

Yoda hat uns an der Klagemauer 30 Minuten Freizeit gegeben, so setzen wir uns auf weiße Plastikstühle, die wenige Meter von der Klagemauer enfernt aufgereiht sind, und beobachten das Treiben. Ich hätte den ganzen Tag dort verbringen können und einfach nur schauen, wie sich die verschiedensten Menschen dort treffen. Aber es geht dann weiter: zur Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesu.

Via Dolorosa

Über 14 Stationen läuft der Leidensweg, größtenteils im muslimischen Viertel der Altstadt Jerusalems. Dort geht es generell unfassbar lebendig zu. Immer wieder kommen mir beim Gehen durch die engen Gassen Erinnerungen an den Basar in Istanbul: kleine Lädchen am Rand, Marktschreier, orientalischer Krimskrams und Süßes. Die Via Dolorosa abzulaufen und sich vorzustellen, was auf diesem Weg schon alles passierte, hat aber auch etwas sehr Magisches. Unser Ende ist an der 14. Station, der Grabeskirche, wo der Überlieferung nach die Kreuzigung von Jesus stattfand und auch sein Grab war. 

Die Grabeskirche

Solch ein Gewusel wie in dieser Kirche im christlichen Viertel der Altstadt habe ich selten erlebt. Unzählige Menschen sind dort überall – in jeder der zahlreichen Ecken und Nischen, die es in der großen, verwinkelten Kirche gibt. Wir haben Glück, nur wenige Wochen vorher wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten am Heiligen Grab in der Kirche abgeschlossen – aber der Andrang ist so groß, dass wir nach zehn Minuten wieder den Auszug aus der Kirche beschließen.

Yad Vashem

Unser Ausflug in die Altstadt endet mit dem Besuch der Grabeskirche, es geht zurück zum Bus und weiter zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die ein wenig außerhalb der Stadt liegt. Die Gedenkstätte hat einen riesigen Außenbereich mit Bäumen, Installationen und Steinen, die an die Opfer des Holocausts erinnern. In einem Raum, der Halle der Erinnerung, brennt im Dunkeln nur eine Flamme, im begehbaren Denkmal für die verstorbenen Kinder werden fünf Kerzen in der Dunkelheit so reflektiert, dass ein ganzer Sternenhimmel entsteht. Im unterirdischen Museum ist außerdem in neun Galerien die Geschichte der Judenverfolgung dokumentiert – mittels Fotos, Videos, Briefen und Kunstwerken. Das ist so eindrucksvoll, dass die zwei Stunden, die wir dort verbringen, überhaupt nicht reichen.

Sehnsuchtsort: Israel

Nochmals in Ruhe nach Yad Vashem zu gehen, ist aber nur ein Grund, warum ich nächstes Frühjahr wieder nach Israel möchte. Trotz all der politischen Konflikte hat mich das Land völlig in seinen Bann gezogen. Es ist paradox, eigentlich mag ich es ruhig und still, Tel Aviv und Jerusalem dagegen waren so laut und hektisch, trotzdem habe ich mich so sehr verliebt, dass ich es kaum erwarten kann, wieder zurückzukehren.

Als wir am Abend wieder in Tel Aviv ankommen, ist die Stadt wie ausgestorben. Kurz vor 20 Uhr ist wegen des Gedenktags für die Soldaten, dem Yom HaZikaron, bereits alles geschlossen – auch die Supermärkte, Kneipen und Restaurants. Die Rollläden sind unten, alles wirkt gespenstisch, vereinsamt, leer. Eine große Melancholie überkommt mich. „So kann ich nicht Abschied nehmen von dieser wunderbaren Stadt, ich muss ganz schnell wiederkommen“, dieser Gedanke ploppt in meinem Kopf auf, bleibt, bis heute.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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