6. August 2017

Schmöker: Ein Abend mit Fatma Aydemir und ,Ellbogen’ im Kohi”

Wut und schlechte Laune

Fatma Aydemir und ihre “Ellbogen”-Protagonistin Hazal könnten unterschiedlicher kaum sein: Während die Autorin studierte, inzwischen Redakteurin bei der Taz ist, für Magazine schreibt und nun erfolgreich ihren Debütroman veröffentlichte, eiert Hazal in Berlin perspektivlos vor sich hin, steckt unmotiviert in berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen und läuft schnurstracks auf die Katastrophe zu. Aber trotzdem, eines haben sie dann doch gemeinsam: Sie sind beide wütend und schlecht gelaunt.

Eine Eisprinzessin.

Vielleicht ist es an diesem Abend bei der Lesung im Kohi nur eine verzerrte Momentaufnahme, aber nach den 60 Minuten mit Fatma Aydemir weiß ich, dass ich mir das Buch nicht kaufen werde, kein Geld für eine Autorin ausgeben möchte, die so lustlos von ihrem eigenen Werk erzählt, als wäre es eine Last und der Abend im knallgefüllten Kohi furchtbar nervig – besonders die interessierten Fragen der Besucher.

Fatma Aydemir ist in der Nähe von Rastatt aufgewachsen, dementsprechend viele Menschen sind an diesem Abend da. Schon von Beginn an macht die Autorin uns klar, dass es Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor sehr schwer in Deutschland haben – keineswegs möchte ihr das im Kohi irgendjemand nur ansatzweise absprechen. Aber auf die Nachfrage einer Dame, welche negativen Erfahrungen sie selbst machen musste, reagiert sie grantig, bleibt vage, nennt keine Beispiele, weiter geht es im Programm.

Warum hält Fatma Aydemir überhaupt Lesungen????

Das ist schade, denn es wäre wirklich interessant, ob auch jemand wie sie, hier geboren, attraktiv, gebildet, erfolgreich, Nachteile im Leben durch ihre türkischen Wurzeln hatte. Wurde sie schon diskriminiert oder bedroht? Gab es sonstige Steine in ihrem Weg, die Menschen ohne Migrationshintergrund nicht haben? Fatma Aydemir schweigt an diesem Abend.

Stattdessen zitiert sie am Ende ihres Buches Joan Didion: “Wüsste ich die Antwort auf irgendeine meiner Fragen, hätte ich nie das Bedürfnis gehabt, einen Roman zu schreiben.” Auch darauf beruft sie sich an diesem Abend im Kohi – und macht es sich leicht, zu leicht. Denn okay, keine Antworten, von mir aus, Privatsphäre, aber auch Diskussionsansätze nimmt sie einfach nicht auf. Tiefe? Bitte, nicht. Und vor allem: bitte nicht lächeln.

Ist das hip, ist das cool?

So fragte ich mich die komplette Lesung durch: Woher kommt diese schräge Attitude? Ist das hip, ist das cool? Oder Selbstschutz? Fatma Aydemir könnte auch freudenstrahlend auf der Bühne sitzen. Schließlich ist „Ellbogen“ eine Wucht. Das Feuilleton hat den Roman hoch gelobt und als ich ihn, als Rezensionsexemplar, wenige Wochen später dann doch lese, bin ich ebenfalls positiv überrascht.

Zwar hat der Plot besonders im zweiten Teil, wo die Geschichte in Istanbul spielt, Längen, und es gibt Mängel in der Stringenz von Hazals Charakter, gleichwohl: “Ellbogen” zieht sofort mit. Von der ersten Seite bis zur letzten Seite hänge ich an der 17-Jährigen, begleite sie gedanklich, wenn sie nach einem Diebstahl beim Ladendetektiv sitzt, in der Wohnung ihrem Vater Çay kocht oder mit ihren Freundinnen durch die Straßen zieht – erst in Berlin, später, nach dem Knall, dann in Istanbul. Innerhalb weniger Tage bin ich mit dem Roman durch, er wirkt lange nach, bringt mich zum Nachdenken.

Hmmmm

Warum landet Hazal auf der schiefen Bahn? Wie viel ist allein durch ihren Migrationshintergrund zu erklären, wie viel durch sozio-ökonomische Faktoren wie Bildung? Schließlich ist auch der Protagonist in „Hool“, dem Roman von Philipp Winkler, den ich direkt davor gelesen habe, wütend. Aber aus ganz anderen Gründen, bei ihm verließ die Mutter die Familie, der Vater trank, bei ihm liegen die Ursachen in der Kernfamilie. Er ist Deutscher, durch und durch. Er muss das Versagen ganz nah bei sich suchen. Keine Ausflüchte sind möglich.

Wie sieht es da bei Hazal aus? Das aufzudröseln, wäre so spannend gewesen. Aber nein: Die Autorin knallt den Lesern solch einen Roman hin, weigert sich dann aber in eine ehrliche Diskussion einzusteigen – aber genau das wäre wichtig, für die Integration, für ein Zusammenleben. Wo genau knirscht es? Was kann eine Gesellschaft tun, damit es Mädchen wie Hazal besser in Deutschland ergeht? Solch ein Gespräch hätte ich mir gewünscht. Aber Fatma Aydemir verweigert, sieht sich nicht in der Rolle, das zu diskutieren. So bleibt ein Abend übrig, der negativ nachhallt und irritiert. Und den Leser alleine lässt. Fatma Aydemir ist keine Politikerin, sondern Autorin. Aber wenn sie schon Lesungen hält und solche Bücher schreibt: Warum dann keine Diskussion?

Integration bedeutet, dass beide Seite aufeinander zugehen müssen. Wut und schlechte Laune helfen niemandem.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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