1. Oktober 2017

Fernweh: “Sunny Scotland – Edinburgh”

Hallo fremder Mann!

Falsches Haus, falscher Mann. Es ist kurz vor 9 Uhr und ich stehe in Stockbridge völlig übermüdet in einer fremden Wohnung – meinen riesigen Koffer in der einen, einen Kaffee-Pappbecher in der anderen Hand und meinen vollbepackten Rucksack auf dem Rücken. Fünf Stockwerke bis hoch unter das Dach habe ich den ganzen Krempel geschleppt. Und nun das: „Nein, ich vermiete kein Airbnb-Zimmer“, sagt mir der zunächst noch unbekannte Mann und muss dann lachen. „Komm aber rein, wir schauen zusammen, wo du hinmusst.“ Es ist eine sehr nette Begegnung, die ich gleich zu Beginn in dem hübschen Stadtviertel in Edinburgh habe – und es wird nicht die letzte bleiben.

 

Mit der Eisenbahn durch Schottland

Edinburgh ist mein erster Stopp in Schottland, danach geht es mit dem Zug nach Glasgow, von dort aus auf die Isle of Skye, dann nach Inverness und zum Rückflug wieder für einen Tag nach Edinburgh.

20 Minuten nach meiner Verirrung bin ich dann richtig: In der Wohnung von Mic, der mit mir in den nächsten vier Tagen seine Wohnung teilt. Ein Airbnb-Zimmer, was mich hart an meine Grenzen bringt, die Schlafcouch ist mini, ich kann kaum meine Beine ausstrecken und der Krach der vierspurigen Straße dringt nahezu ungefiltert durch die dünnen Fenstergläser. Ein Hoch auf Ohropax.

Ein Herz für Stockbridge

Mics Zimmer war aber eine der wenigen Optionen, die überhaupt noch in meinem Budget lagen. Denn im August ist in Edinburgh das vierwöchige Kulturfestival Fringe. Wie mir Mic erzählt, kommen insgesamt 100.000 Menschen dorthin. Die Stadt platzt so aus allen Nähten, die Unterkünfte sind entsprechend rar. 43 Euro bezahlte ich so pro Nacht für die Schlafcouch. Ähnlich soviel für mein Bett für die letzte Nacht in einem Sechser-Zimmer im Hostel.

Das einzig Gute an meiner Unterkunft ist die Lage: Stockbridge ist wunderschön und voll mit kleinen Cafés, Galerien sowie Secondhand-Läden; vom Trubel der Innenstadt ist dort nichts zu spüren. Einen meiner vier Tage in Edinburgh verbringe ich so komplett dort, laufe durch die tollen Straßen, sitze in der Sonne und lese. Vor allem die beiden Cafes Florentin und The Pantry am North West Circus Place sind wunderbar.

Fringe-Festival = Overkill

Meinen ersten Tag verbringe ich aber nahezu komplett in der Altstadt auf der Royal Mile, die vom Castle zum Holyrood Palace führt. Dort zeigen auf einem abgetrennten Teil Straßenkünstler des Fringe-Festivals, was sie alles können – beispielsweise singen, tanzen und mit den verschiedensten Instrumenten musizieren. Das ist wunderbar kurzweilig, aber gegen 17 Uhr und bei strahlendem Sonnenschein ist dort einfach nur alles überfüllt. Ich komme in der Fussgängerzone kaum voran, ohne hektisch angerempelt zu werden. Nach zwei Stunden resigniere ich und laufe zum Park, der unterhalb der Royal Mile liegt und setze mich auf eine Bank.

Alf!

Ich bleibe keine zwei Minuten alleine, schon sitzt Alf neben mir. Ein Mann in den 60ern, der sich mit seinen Zeichenkünsten die Zeit vertreibt. Stolz packt er seine Mappen aus, erzählt mir zu jedem einzelnen Bild eine Geschichte – von gescheiterten Beziehungen, seiner Sehnsucht zum Meer und seinem abgelegten Alkoholkonsum. „Es war zuviel“, sagt er mir und die feinen roten Äderchen in seinem Gesicht lassen daran keinen Zweifel. Zum Abschied schenkt mir Alf zwei seiner Bilder und eine Mandarine. Seine bunten Strichzeichnungen liegen nun von Folie geschützt in meiner Nachtischschublade, es ist eine nette Erinnerung an eine außergewöhnliche Begegnung.

Pub-Besuche und Scones

Pommes und Bier: Meine Abende in Edinburgh verbringe ich überwiegend in dem Pub Bailie in Stockbrigde, fünf Minuten zu Fuß von meiner Unterkunft entfernt, dort sitze ich mit den Männern an der Theke, lese Zeitung und esse etwas. Die mit Abstand besten Scones habe ich in Schottland in den Läden von The Square erhalten. Die leckeren Gebäckteilchen, die es in diesen Cafés gibt, sind auch prämiert.

Und alles wegen Harry Potter

Um einen Überblick über die Sehenswürdigkeiten zu bekommen, habe ich mich für die Sandmann’s Free Tour of Edinburgh entschieden. In einer kleinen Gruppe mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern geht es zunächst eine Stunde über die Royal Mile – wir erfahren unter anderem mehr über das Castle, das alte und neue Parlament, die St. Giles Cathedral, über die Pubs am Grassmarket und kommen dann zum Greyfriars Kirkyard Friedhof, wo wir nochmals etwa 90 Minuten bleiben. Meine Irritation ist zunächst groß, soviel Zeit auf einem Friedhof? Schnell erklärt uns der Guide aber den Hintergrund: Harry Potter hat hier seinen Ursprung. Joane K. Rowling schrieb vom Elephant House, einem Café, das neben dem Friedhof liegt, an ihren Bestsellern – und blickte dabei auf die Gräber. In ihren Pausen spazierte sie über den Friedhof und ließ sich von den Namen der Verstorbenen inspirieren. Außerdem zeigte uns der Guide, welches Gebäude die Autorin zu Hogwarts inspirierte.

Aussicht auf “Hogwarts”

“Hogwarts”

Ein Grabstein für Greyfriars Bobby

Außerdem liegen auf dem Friedhof auch John Gray und sein treuer Hund Greyfriars Bobby begraben. Der Skye Terrier soll im 19. Jahrhundert nach dem Tod seines Herrchen 14 Jahre lang täglich zu dessen Grab gekommen sein und es nur verlassen haben, um im Coffee House nebenan kurz etwas zu fressen. Seit 1872 steht ein Denkmal des Hundes vor dem Friedhof.

Ach, Calton Hill

Eine Auszeit von dem ganzen Trubel in der Altstadt finde ich auch auf Calton Hill. An einem sonnigen Nachmittag laufe ich auf den Hügel, von dem aus eine wunderbare Sicht auf Edinburgh möglich ist. Es ist so romantisch dort – und ich verstehe nun auch, warum David Nicolls seine beiden „Zwei an einem Tag“-Protagonisten dort die Aussicht genießen ließ. Ich setze mich mit Kaffee und Keksen auf das Gras und schaue einfach nur umher. Es ist traumhaft.

Im zweiten Teil folgen die Erzählungen aus Glasgow.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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