9. Oktober 2017

Flimmerkasten: “Körper und Seele”

Die Welt steht still

Es ist der Moment, in dem Mária (Alexandra Borbély) in ihrer Wohnung auf die Taste des CD-Players drückt, die Stimme von Sängerin Laura Marling erklingt und die Kamera langsam durch das Zimmer wandert, an einer ausgefallenen roten Deckenleuchte hängen bleibt, verharrt. In diesem Moment bleibt für mich die Welt kurz still stehen: die Musik, die Bilder, die Stimmung, ich bin verzaubert, der Film “Körper und Seele” zieht mich komplett in seinen Bann.

Grosses Kritikerlob

Der ungarische Film von ldikó Enyedi hat bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Als ich in Zeitungen Kritiken darüber lese und in Nachrichtensendungen Ausschnitte sehe, weiß ich schnell: Ich muss “Körper und Seele” sehen, unbedingt.

Doch die erste Stunde des Liebesfilms über zwei besondere Menschen ist anstrengender als gedacht. Die Kulisse, die Langsamkeit der Erzählung, die wenigen Dialoge: Es fällt mir zunächst schwer, mich auf diesen Film einzulassen.

Mária ist die neue Qualitätsprüferin in einem Schlachthof, sie ist eine zerbrechliche Autistin, die Kommunikation mit anderen fällt ihr schwer. Jedes Gespräch ist eine neue Herausforderung. So endet das erste Aufeinandertreffen mit dem Finanzdirektor Endre (Géza Morcsányi) bei der Mittagspause in einer mittelschweren Katastrophe.

Auch Endre kämpft mit dem Leben – einer seiner Arme ist steif, mit den Frauen hat er nach einigen Enttäuschungen abgeschlossen. Beide verlorene Seele sitzen nun mit wenig appetitlichem Essen am Tisch, kämpfen sich bemüht durch den Smalltalk, scheitern. Stille, Distanz.

Tatort: Schlachthof

Der Schlachthof ist in der ersten Stunde Dreh- und Angelpunkt des Filmes – auf schonungslose Weise. Die Tötungsprozesse sind komplett und bis ins kleinste Detail zu sehen, von den großen Augen der noch lebenden Kühe, über die Blutmassen, die über die weißen Fliesen strömen, bis hin zu den abgetrennten Gliedmaßen der Tiere, die Arbeiter im Kühlhaus aufhängen.

Dazu kommt ein Plot, der zunächst nur sehr langsam voranschreitet. Erst nach und nach entwickelt sich eine Dynamik, die dann aber eine solch magische Intensität entwickelt, dass die anfängliche Langsamkeit richtig, ja wichtig scheint, exemplarisch zu dem Kontaktaufbau der beiden Protagonisten steht.

Eisprinzessin trifft Eigenbrötler

Denn die beiden Einzelgänger sind trotz der großen Kommunikationsprobleme voneinander angezogen. Ihre Beziehung zueinander intensiviert sich immer mehr, als sie bemerken, dass sie jede Nacht die gleichen Träume haben: Sie begegnen sich als scheue Hirschkuh und treu sorgender Hirsch in einer verschneiten Landschaft – immer wieder.

Vom Zauber der Langsamkeit

Auf ihre ganz besondere Art und Weise nähern sich Mária und Endre nun langsam an. Dabei sind es nicht nur die beeindruckenden Schauspieler, die mit ihrer Gestik und Mimik immer wieder aufs Neue faszinieren, sondern die gesamte Kulisse außerhalb des Schlachthofs, die mich staunen lässt: die stilvollen und minimalistischen Wohnungen der Protagonisten, die besonderen Formen der Möbel, das Spiel mit Licht sowie Schärfe und Unschärfe. Und: die wunderschönen pastellfarbenen Kleider, die Mária trägt.

Dazu geschehen ab der zweiten Hälfte des Filmes immer wieder schräge und sehr schöne Kuriositäten: beispielsweise greift Mária mit ihrer Fingern in Kartoffelpüree, um sich und der Welt durch Berührungen näher zu kommen. Oder sie liegt mit geschlossenen Augen auf einer grünen Wiese, als plötzlich mehrere Sprinkler um sie herum angehen – die Struktur, die durch die Wasserspiele entsteht, ist herrlich anzusehen.

“Körper und Seele” ist ein wunderbarer Liebesfilm – ohne Klischees, ohne Kitsch. Mit dem Abspann erklingt erneut der Song von Laura Marling. Ich sitze einfach nur noch da, tief berührt und sprachlos. So schön können Liebe und Kino sein.

 

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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