18. Oktober 2017

Melodien: “Ein Abend mit Angus & Julia Stone in Stuttgart”

Schwerer Start!

Es ist ausgerechnet ein Lied von Udo Lindenberg, das den Umschwung bringt. Als Julia Stone „Durch schwere Zeiten“ anstimmt, sich mit ihrem bezaubernden kanadischen Akzent tapfer durch den deutschen Text kämpft, herrscht endlich Ruhe im Publikum, das permanente Hintergrund-Gemurmel hört auf, alle Aufmerksamkeit gilt der Bühne, damit Angus und Julia Stone, ihrer Band und der wunderbaren Musik. Endlich.

Das Konzert beginnt enttäuschend. Nicht etwa, weil Angus und Julia Stone auf der Bühne etwas falsch machen. Nein, im Gegenteil. Mit weißem Häkelkleid und Blumen im Haar sieht Julia aus wie eine Elfe, beginnt den ersten Song „Baudelaire“ fulminant mit der Trompete, auf der Leinwand hinter ihr flimmert ein Meer auf, ein Totempfahl erscheint, die Augen seines Vogelkopfes blitzen und funkeln, immer wieder passt sich das Bühnenbild der Musik an – Schnee fällt bei „Snow“ herab, bei „Big Jet Plane“ ziehen Wolken vorbei.

Was ist da nur los?

Doch besonders im hinteren Drittel des ausverkauften Hegel-Saals kommt die berührende Musik der Kanadier nicht an. Liegt es an der Akustik im Saal, ist der Sound insgesamt zu leise? Sind die Songs vom neuen Album „Snow“, die in der ersten Hälfte vorrangig zu hören sind, zu lahm? So oder so: Die Gespräche der Besucher um uns herum sind oft lauter als die Musik – und das, obwohl wir deshalb sogar den Platz wechseln, weiter nach vorne gehen.

Es genügt nicht, immer noch höre ich um mich herum mehr den Smalltalk von Fremden (über Weiterbildungen und harte Alkoholika) als die Songs von Angus und Julia Stone. Das ist ungewöhnlich für ein so großes, professionell organisiertes Konzert und mehr als schade. Vor allem bei der Akustikversion „My Heart beats slow“, eines meiner Lieblingslieder, verpufft jedes Gefühl von Reihe zu Reihe mehr.

Endlich, der Zauber!

Erst als dann etwa bei der Hälfte des Konzerts Stille im Publikum herrscht, kommt der Zauber, den die kanadischen Geschwister auf ihren Alben so mühelos versprühen, an, berühren endlich ihre Melodien, ziehen in ihren Bann – auch wegen der klaren und so eindringlichen Stimme von Julia Stone.

Beschwipst?

Ihr Bruder ist an diesem Abend bei seinen Ansagen dagegen kaum zu verstehen, beschwipst oder müde? Angus nuschelt vor sich hin, was er sagt? Es bleibt ein Rätsel, macht aber nix, an der Gitarre und Mundharmonika scheitert er keineswegs – und mehr braucht es ja schließlich nicht.

Auch wenn es lange dauert, spätestens bei „For you“ ist das Konzert dann so, wie ich es erwartet und mir gewünscht hatte: Der Sound stimmt, und zu den langsamen Klängen sowie der fast schon zerbrechlich klingenden Stimme von Julia glitzern Sterne auf. Das ist zwar kitschig, aber wunderschön.

Musik, nur die Musik

So geht das Konzert mit einem guten Gefühl zu Ende – drei Zugaben folgen. Darunter „Grizzly Bear“ und als allerletztes Lied „Nothing Else“, für mich der stärkste Song vom neuen Album. Wieder blinkt und glitzert es um die Geschwister. Und als der Lärmpegel bei den ersten Takten nicht gleich erlischt, bahnt sich ein kollektives „Psssst“ von vorne nach hinten durch die Reihen. Die Gespräche verstummen sofort, zum Glück. Nur noch die Musik ist zu hören. Genau so hätte es den ganzen Abend sein sollen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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