22. Oktober 2017

Heimat: #metoo

Darüber schreiben oder nicht?

Als ich vor einigen Tagen zahlreiche #metoo auf meinem Facebook- und Instagramfeed hatte, war ich keineswegs überrascht. Wenn es um den Machtmissbrauch von Männern in der Arbeitswelt geht, schockt mich gar nichts mehr – leider.

Bereits vor Jahren saß ich mit einer Freundin bei einem Glas Wein und überlegte, ob ich auf dem Blog aus meiner Perspektive darüber schreiben soll, ja, nein? Letztlich entschied ich mich nach dem Abend dagegen, es schien mir zu privat, zu gefährlich.

Aber nun, durch diesen Skandal um Harvey Weinstein, bin ich doch nochmals sehr ins Nachdenken kommen. Ist es tatsächlich nicht gerade der falsche Weg, zu schweigen? Aus Angst und falscher Rücksicht diese Geschichten nur mit sich selbst auszumachen beziehungsweise nur den allerengsten Freunden zu erzählen – und dadurch den Schein aufrechtzuerhalten, dass schon alles in Ordnung ist mit dieser Gesellschaft und der Arbeitswelt? Und mit diesen Männern?

Es gibt so viele unmögliche Menschen in dieser Welt

Übergriffigen Männern bin ich seit meiner Universitäts-Zeit zahlreiche Male begegnet – in ganz verschiedenen Kontexten. Es gab in Vorfälle, die noch harmlos, andere, die unmöglich waren, Grenzen überschritten.

Noch wenig aus der Fassung brachten mich in der Arbeitswelt Männer, die mir auf offiziellen Terminen völlig unangebracht und unpassend sagten, wie süß sie mich finden und wie gerne sie mich in ihrer Gegenwart haben. Ich ließ mich davon meist nicht beirren, ging einfach nicht darauf ein.

Stutzig wurde ich dagegen zum ersten Mal bei der Aussage „Du bist rattenscharf!“. Was darauf entgegen? Ich war damals ratlos. Wehre ich mich lautstark? Lass ich die Situation explodieren? Nein, ich traute mich schlichtweg nicht. Hörte es, ignorierte es, packte es in meinem Kopf ganz nach hinten.

Schlichtweg überfordert war ich dann zum ersten Mal, als ich an einem Abend in das Büro eines Mannes gebeten wurde. Er schloss die Tür hinter sich und gab mir Tipps, wie ich mit Männern umzugehen habe. Ich saß damals nur sprachlos da, völlig überrumpelt, wusste gar nicht, was ich dazu sagen soll. Als ich danach auf Distanz ging, ihn kaum mehr ansehen konnte, kühlte das Klima entsprechend ab. Es war ein völlig schräger Zustand.

Küsschen? NEIN!

Das gleiche Resultat hatte ich, als ich einem Mann verweigerte, zu Arbeitsanfang und -ende ein Küsschen auf die Wange zu geben. Ich konnte und wollte es einfach nicht. Seine Konsequenz: Er wartete von nun an nur noch darauf, dass ich Fehler machte, um mich dann ausgiebig und lautem Tonfall darauf hinzuweisen. Ich stand nicht mehr in seiner Gunst – unabhängig von meiner Leistung.

Aber all das sind Kleinigkeiten im Vergleich dazu, dass mich ein Herr an einem Geburtstag vor allen Kollegen einfach mitten auf den Mund küsste – ein Herr, der doppelt so alt war wie ich. Alle sahen es, niemand sagte was. Und ich: wieder völlig überfordert. Erzählte es erst niemanden, dann meinen engsten Freundinnen, aber auch da schaute ich nur in betroffene Gesichter: Was tun? Keiner wusste es genau.

Schüchtern? NEIN!

Ach und da gab es noch diese Anrufe. Ein deutlich älterer Kollege hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass wir ein wunderbares Paar abgeben könnten. Ständig klingelte abends mein Handy. Er wollte mit mir Essen gehen, nahm mich in den Arm, wann immer es möglich war. Ein Nein akzeptierte er nicht. Je mehr ich auf Distanz ging, desto mehr fühlte er sich in seinem Kampfeswillen bestärkt.

Alle Männer haben einen gemeinsamen Nenner: Sie waren alle absolut nicht mein Typ, es war kein Flirten, das sich gegenseitig bedingte, sondern einseitig, übergriffig war, mich komplett überforderte. Sie nutzten die Hierarchie und ihre Position schamlos aus, genau in dem Wissen, dass ja nix passieren wird.

Und lange Zeit dachte ich, dass ich ja selbst mit schuld sei. Mit meinen langen blonden Locken, meiner Zurückhaltung und meinen Mädchenkleidern so etwas auch provoziere. Selbstbewusster auftreten müsste, noch deutlicher Grenzen setzen. Ich ließ deshalb vor Jahren meine Haare schneiden, sie dunkler werden. Ich wollte nicht mehr süß sein, keine schrägen Männer mehr anziehen.

Aber inzwischen weiß ich, dass es Quatsch ist. Dass kein Mann, bei dem ich es nicht möchte, mir zu nahe kommen darf, und ich das nicht aushalten muss.

Meine Haare wachsen gerade wieder.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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