27. November 2017

Schmöker: “Ein wenig Leben” von Hanya Yanagihara

Eine emotionale Wucht!

Ich hoffte, litt und bangte – und am Ende war ich emotional komplett am Ende. „Ein wenig Leben“ hat mich in einen gewaltigen Gefühlsstrudel gerissen. So sehr, dass ich Autorin Hanya Yanagihara auf einigen Seiten dafür verfluchte, wie sie mir nur solch eine traurige Geschichte zumuten kann.

Aber auf den meisten der knapp 1.000 Seiten war ich ihr zutiefst dankbar, dass sie dieses wunderbare Buch geschrieben hat – einen literarischen Orkan, der zwar erstmal alles platt macht, in die schlimmsten menschlichen Abgründe führt, mir schrecklich oft die Tränen in die Augen trieb, aber gleichzeitig soviel Weisheit und Klugheit offenbart. Die Wortwahl, die Anordnung der Sätze, die Handlungsstruktur: „Ein wenig Leben“ ist ein Roman, der mich unglaublich bereicherte und mich sehr zum Nachdenken brachte. Er ist für mich ein Meisterwerk.

Eine Männerfreundschaft in New York

Die Geschichte dreht sich um vier befreundete Männer in New York. Sie sind in ihren Zwanzigern, als die Handlung beginnt. Über mehrere Jahrzehnte zieht sich dann die Erzählung. Im Mittelpunkt steht der sensible Jude, er ist Jurist, hochintelligent, kämpft aber mit dem Leben – seelisch und körperlich. Er wuchs als Waise zunächst in einem katholischen Kloster auf, später dann in einem Heim. Ein schwerer Unfall hinterließ irreparable Schäden, er hinkt beim Gehen, außerdem jagen ihn Erinnerungen wie Hyänen, zwingen ihn immer wieder zu Selbstverletzungen.

Ganz nah an seiner Seite ist Willem, ein attraktiver Schauspieler. Mit den beiden jungen Herren und ihrer gemeinsamen Wohnung in der Lispenard Street beginnt die Geschichte. Malcolm, ein Architekt, und J.B. ein egozentrischer Künstler, ergänzen die Männerclique. Sie alle kennen sich von der Zeit am College, bleiben auch darüber hinaus eng befreundet.

Das Besondere an „Ein wenig Leben“ ist, dass es Hanya Yanagihara schafft, vier völlig unterschiedliche Charaktere mit solch einer Tiefe zu schaffen, dass ich beim Lesen immer wieder staunte. Es faszinierte mich an so vielen Stellen, wieviel Detailwissen die Autorin sowohl über Kunst, Architektur, Schauspielerei als auch das Rechtswesen hat und dieses immer wieder einfließen lässt – aber nie abstrakt und fachspezifisch, sondern immer so, dass es eingehend ist, hängen bleibt.

Beispielsweise anhand Willem erläutert sie die Kämpfe vieler Schauspieler, die abseits ihrer Rollen mit ihrer eigenen Identität hadern.

„War es denn ein Wunder, dass so viele seiner Kollegen totale Wracks waren? Ihr Reichtum, ihr Leben, ihre Identität entsprangen der Nachahmung anderer – war es da überraschend, dass sie ein Set, eine Bühne nach der anderen brauchten, um ihrem Leben Form zu geben. (…) Und so wandten sie sich Religionen, Frauen und guten Zwecken zu, um etwas zu haben, das ihnen gehörten. Sie schliefen nie, sie rasteten nie, sie hatten schreckliche Angst davor, allein zu sein, sich fragen zu müssen, wer sie wirklich waren.“

Eine zerbrechliche und vom Leben gezeichnete Person

Der größte Teil der Geschichte ist Jude gewidmet. Eine Inneneinsicht in seine Persönlichkeit zu bekommen, war unglaublich hart. Ganz oft habe ich es kaum ertragen, musste an gewissen Stellen Sätze überspringen, weil ich einfach nicht mehr konnte, so sehr litt. Aber trotzdem überlegte ich zu keiner Zeit, das Buch zur Seite zu legen, weil es so voller Liebe, Schönheit und Weisheit ist.

Auch trieb mich ausgerechnet die Geschichte um Jude beim Lesen immer weiter voran, für mich hatte sie sogar streckenweise Thrillercharakter. Was wird mit ihm passieren? Wird es ihm besser gehen? Gibt es eine Erlösung für ihn? Außerdem stellten sich für mich grundsätzliche Fragen: Warum ist das Leben oft so ungerecht? Warum muss eine Person soviel mehr aushalten als eine andere? Aber kann das nicht auch eine Chance sein?

Immer wieder musste ich so auch an Absätzen unterbrechen, mir nochmals Gedanken über das Gelesene machen – und Screenshots an Freunde schicken, weil ich so großen Redebedarf hatte. Wie davon:

„Was ihm nicht klar gewesen war: Erfolg machte die Menschen langweilig. Scheitern machte sie auch langweilig, aber anders. Wer scheiterte, strebte immer nach derselben Sache: Erfolg. Doch auch erfolgreiche Menschen strebten nach derselben Sache: nämlich nach permanenter Bestätigung ihres Erfolgs. Der eine lief, und der andere lief auf der Stelle, und auch wenn Laufen grundsätzlich langweilig war, bewegte sich der eine zumindest voran und durchquerte unterschiedliche Landschaften.“

Und besonders von diesem Absatz:

“Man findet nie alles in einer Beziehung. Von allen Dingen, die einem ein einzelner Mensch geben kann – zum Beispiel sexuelle Erfüllung oder befriedigende Gespräche oder finanzielle Unterstützung oder intellektuelle Übereinstimmung oder schlichte Freundlichkeit -, bekommt man drei. Drei – mehr nicht. Vielleicht vier, wenn man großes Glück hat. Den Rest muss man sich woanders suchen. Nur im Film findet man jemanden, der einem alles gibt. Aber das hier ist kein Film. Im wahren Leben muss man sich darüber klarwerden, mit welchen drei Eigenschaften man sein restliches Leben verbringen will, und diese drei Eigenschaften muss man dann in einem anderen Menschen suchen. So ist es im wahren Leben. (…) Wenn du versuchst, alles zu finden, steht du am Ende mit leeren Händen da.”

Tiefe Spuren bleiben!

Wenn es fragile Schönheit in Buchform gibt, dann ist es “Ein wenig Leben”. Als ich die letzte Seite zu Ende hatte, saß ich fassungslos auf meinem Bett, war wütend, traurig, aber auch unglaublich glücklich darüber, dass es dieses Buch gibt, knapp 1.000 Seiten, die mich so gefordert haben – aber auch ganz tief berührten und Spuren in meinem Denken hinterließen. Sie werden so schnell nicht verblassen. Lange habe ich überlegt, ob mich ein Buch überhaupt jeweils so mitgenommen hat, aber mir fiel keines ein. “Ein wenig Leben” ist ein kostbares Juwel, das kostbarste, das nun in meinem Bücherregal steht.

(Visited 100 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam