4. Dezember 2017

Heimat: “Ein Nachmittag bei ,Open Codes’ im ZKM”

Eine Falle aus Salz

Mitten in einem weißen Salzkreis steht das selbstfahrende Auto. Hinter ihm befinden sich die wuchtigen Berge des Parnass, die Straße liegt vor ihm. Das Problem: Das Auto startet nicht. Denn der Salzkreis blockiert das Computersystem des selbstfahrenden Fahrzeugs.

“Autonomous Trap” heißt diese Fotografie von James Bridle. Sie ist Teil der Ausstellung “Open Codes” im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe. Das Besondere daran: Das ZKM hat nach eigenen Aussagen mit “Open Codes” ein einzigartiges bildungspolitisches Experiment geschaffen.

Konkret heißt das: “Open Codes” soll Bürgern das Thema “Digitalisierung” näher bringen. Schließlich sind Codes in unserem Alltag inzwischen omnipräsent: Sie bestimmen beispielsweise was wir auf unserem Facebook-Feed sehen, mit ihnen lassen sich Haustüren ver- und entsperren, und sie nehmen eben auch bei der Entwicklung von selbstfahrenden Autos eine Schlüsselrolle ein.

Als ich von der Ausstellung las, war meine Neugierde geweckt. Sowohl bei der Arbeit als auch privat begegnet mir das Thema Digitalisierung immer wieder. Ich wollte mehr wissen und verstehen, was es mit analogen Codes (Morsezeichen oder Gebärdensprache) und eben diesen digitalen Codes auf sich hat. Besonders der Zusatz, dass “Open Codes” zur Bürgerbildung beitragen möchte, machte mir Hoffnung, dass nicht alles völlig abstrakt ist, sondern ich auch tatsächlich einen Zugang bekomme und die Digitalisierung danach noch besser verstehen werde – leider ist das nun nicht geschehen.

Hallo digitale Transformation!

“Open Codes” beginnt sehr bunt und kurzweilig. Gleich im Eingangsbereich ist die interaktive Installation “YOU:R:CODE” von Bernd Lintermann zu sehen. Sie wirft mein Spiegelbild in verschiedenen Ausführungen an die Wand – von verpixelt (Bild ganz oben) bis hin zu reduziert auf nur noch einen industriell lesbaren Code.

Es sind gleich mehrere Bedeutungsebenen, die laut Beschreibung hinter dieser Installation stehen: Digitale Codes spielen eine Rolle, wenn es um meine digitale Transformation geht, aber auch mein Körper an sich besteht ja aus einem genetischen Code.

Okay.

Warum nur so kompliziert?

Ein blinkender Kronleuchter hängt dann im großen Ausstellungsraum. Er sendet Morsezeichen aus – auch bei diesem prächtigen Ausstellungsobjekt des Künstlers Cerith Wyn Evans bin ich noch voll dabei. Dann wird es aber holprig.

Ich stehe vor dem “Alphabet-Space” und suche einen Zugang. Hoffnungsvoll lese ich mir die Beschreibung durch.

“In der analogen Welt waren alle Notationen zweidimensional, Buchstaben, Bilder, Noten wurden auf der zweidimensionalen Fläche starr fixiert. Ausgehend von einem dreidimensionalen Objekt von Adam Slowik entsteht die Möglichkeit, mit einem einzigen dreidimensionalen Zeichen alle 26 Buchstaben darzustellen. (…) Das Alphabet besteht aus einer Basisgeometrie und die einzelnen Buchstaben und Zeichen werden durch Parameter wie Drehung oder Position der Basis beschrieben. Einzelne Buchstaben werden durch eine Quaternion definiert (…).”

Geht es nicht ein bisschen einfacher?

Fragezeichen ploppen in meinem Kopf auf. Irritation. Ist das nun tatsächlich eine Ausstellung für alle Bürger oder doch wieder nur etwas für die akademische Elite? Kommt hier jeder mit, der nicht verankert in der Medienkunst, Informatik oder ähnlich ausgerichteten Bereichen ist? Muss ich hier nun anfangen, Wörter wie “Quaternion” zu googlen? Ich habe dieses Wort tatsächlich noch nie gehört.

Es ist ja nett, dass das ZKM den “Open Codes”-Besuchern extra Lounges zwischen den Werken eingerichtet hat, sogar Kaffee, Club Mate sowie Obst verschenkt und eine Tischtennisplatte aufstellt – aber was bringt das alles, wenn normale Bürger wie ich gar keinen Zugang zu den Werken finden?

Denn auch bei der “Narzisstischen Maschine” von Michael Bielicky und Kamila B. Richter kämpfe ich mit der Beschreibung:

Der »Homo Algorithmus« erlebt die Wirklichkeit heute wie in einem Spiegellabyrinth aus dem 19. Jahrhundert. Damals sah man sich im Spiegellabyrinth mit einem multiplen Bild von sich selbst konfrontiert und hatte Schwierigkeiten sich in diesem imaginären Raum zu orientieren und wieder heraus zu finden. Der digitale Raum potenziert das Spiegellabyrinth: Das perpetuelle Suchen und Hochladen von personalisierten Inhalten in sozialen Netzwerken ergibt ein ungleich komplexeres multiples Eigenbild im digitalen Raum.”

What? Auch hier fange ich gleich nach dem Absatz nochmals von vorne an zu lesen. Mir ist klar, dass es bestimmt Menschen gibt, für die es ein Leichtes ist, mit solchen Texten umzugehen und dass jedes Werk für sich wahrscheinlich höchst innovativ und bestaunenswert ist – leider dringe ich aufgrund der größtenteils sehr abstrakten Texte überhaupt gar nicht zum Kern durch.

Ich fühle mich ein wenig verloren – selten hatte ich solch anstrengende Momente in einem Museum. Und das ausgerechnet in einer Ausstellung, die damit wirbt, zur Bürgerbildung beitragen zu wollen. Verdrehte Welt.

Juhu, verstanden!

Überaus dankbar bin deshalb für die Fotografie von James Bridle oder das Werk “2011 100011” von Claire L. Evans: eine Übersetzung des gesamten Originaldrehbuchs von Stanley Kubricks Film “2001: Odyssee im Weltraum” in Binärcodes. Juhu, Erfolgserlebnisse, ich habe etwas auf Anhieb verstanden.

Ich habe noch nicht aufgegeben!

Gleichwohl, nach rund 80 Minuten ist mein Kopf so überfordert, dass ich gehe – enttäuscht. Was als bildungspolitisches Experiment in die Welt getragen wird, ist alles andere als leicht zugänglich und für jemanden, der nicht schon mit Vorkenntnissen kommt, eine sehr große Herausforderung. Schade.

Ich werde es aber nochmals mit einer Führung probieren – vielleicht klappt es ja dann besser mit dem Verständnis. Es ist einen Versuch wert.

Info: 
“Open Codes” ist noch bis August 2018 im ZKM zu sehen.

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6 thoughts on “Heimat: “Ein Nachmittag bei ,Open Codes’ im ZKM”

  1. Juliane sagt:

    Ich war neulich auch in der Ausstellung und mir ging es teilweise auch wie Dir – der Zugang ist oftmals nicht gerade leicht! Definitiv nichts für die breite Masse, die kein Vorwissen mitbringt.
    Aber es gab auch einiges, was ich sofort sehr einleuchtend fand. Zum Beispiel der Simulator, wie ein selbstfahrendes Auto bei einem drohenden Zusammenstoß reagieren soll: Nach dem Ansatz, vor allem den Fahrer zu schützen? Nach dem humanistischen Ansatz, insgesamt möglichst wenig Verletzte zu verursachen? Oder nach dem kapitalistischen Ansatz, möglichst wenig Kosten zu verursachen? Die letzten beiden Ansätze können z.B. für den Insassen des selbstfahrenden Autos den Tod bedeuten, wenn der Unfallgegner ein Schulbus ist oder der Insasse nur einen geringen Versicherungsschutz abgeschlossen hat.

    Viele Grüße und schöner Tag noch
    Juliane

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Liebe Juliane,

      ja, klar. Es gibt Werke, die leichter zugänglich sind, aber ich finde, sie sind nicht in der Mehrzahl. Und hätte ich das mit dem “bildungspolitischen Experiment” nicht gelesen, wäre ich auch nicht verwundert bzw. würde ich die Ausstellung per se auch nicht kritiseren.
      So finde ich es aber super schade, denn das Thema Digitalisierung ist tatsächlich wichtig und es den Bürgern näher zu bringen, sehr sinnvoll. Aber irgendwie muss die Vermittlung anders funktionieren, sonst kreiselt die akademische Elite doch immer nur um sich selbst.

  2. Julius sagt:

    Es stört dich also in einer Ausstellung über Codes nicht jeden Code sofort zu verstehen. Wäre dem so, so wären es ja keine Codes.

    Erstmal nichts zu verstehen ist ganz normal. Auch und gerade für Leute die professionell mit “Codes” arbeiten. Manchmal braucht es ein gutes Buch zum Thema (oder zwei) bis zur Erleuchtung. Wenn die Ausstellung dies gezeigt hat und zudem eine ästhetischen Zugang schafft, dann war sie ein voller Erfolg!

    Übrigens, Wikipedia ist nur einen Klick entfernt. https://de.wikipedia.org/wiki/Quaternion
    Von da an führt der Kaninchenbau immer tiefer. Man muss ihm nur folgen.

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Lieber Julius,

      ja, wahrscheinlich hast du recht und es ist normal, nicht alles sofort zu verstehen, ich fand es nur schade, dass die Beschreibungen teilweise so abstrakt waren, dass ich auch nach dem Lesen nicht mehr verstand – und für eine Ausstellung, die explizit an alle Bürger gerichtet ist und damit auch wirbt, finde ich es schade, dass die Texte so kompliziert formuliert waren. Denn ist es Ziel, dass man im Museum steht und auf Wikipedia nachschauen muss?
      Im Deutschlandradio gibt es die Nachrichten zu bestimmten Zeiten auch in “einfacher” Sprache, vielleicht wäre das für so eine Ausstellung eine Möglichkeit gewesen – also als zusätzliches Element. Dann wäre niemand über- oder unterfordert. ;)

  3. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt:

    Sehr geehrte Autorin,
    nur für den Fall dass Peter Weibel jetzt zurücktritt.
    Können Sie dann bitte Job machen bevor ihn der Martin Wacker wegschnappt?
    Danke.

    1. Miriam Steinbach sagt:

      :D
      Käme auf Bezahlung und Urlaubsregelung an. ;)

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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