16. Januar 2018

Kurioses: “Irrungen in Israel – Teil I”

Life is what happens to you while you’re busy making other plans

Manchmal läuft es im Leben kreuz und quer, das ist okay, daran bin ich gewöhnt. Doch nun hat das Chaos meinen Urlaub kräftig durcheinander gewirbelt – so sehr, dass ich irgendwann nur noch dachte: Man man man, was habe ich eigentlich in meinem früheren Leben für unmoralische Dinge angestellt, dass mein Karmakonto so im Minus ist.

„Life is what happens to you while you’re busy making other plans“ – diese weisen Worte von John Lennon ploppten bereits am ersten Tag in Israel auf – und sie blieben bis zum Schluss.

Der frühe Wurm und so, von wegen.

Dass in dieser Reise nach Israel der Wurm drin steckt, erkannten wir früh, sehr früh. Ganz genau um 5.00 Uhr. Da knirschte es nämlich schon vor dem Abflug am Baden-Badener Flughafen.

Wer schon mal nach Israel geflogen ist, weiß: Die Sicherheitskontrollen sind unfassbar aufwändig und nervig. Sicherheitsleute packen den ganzen Koffer nochmals aus, blättern Bücher und Reiseführer genau durch, wühlen sogar in der Unterwäsche. Sehr angenehm. Außerdem stehen hektische Befragungen an: Was ist der Grund der Reise, wer hat den Koffer gepackt, leben dort Freunde, undundund. Deshalb gilt die Devise: Drei Stunden vor Abflug am Flughafen sein. Okay.

Um 8 Uhr sollte es losgehen, drei Stunden vorher bedeutete also: 5 Uhr. Wer mich kennt, weiß: Das ist genau meine Zeit.

Nicht.

Aber wenn ich keine Wahl habe, kann ich auch mal um 3.45 Uhr aufstehen. Man sollte mich nur nicht um diese Uhrzeit ansprechen, das Aggressionspotenzial ist hoch.

Punkt 5 Uhr standen wir aber äußerst pünktlich mit unseren Koffern und Rucksäcken vor dem Flughafen in Baden-Baden und wunderten uns: Nanu, da ist ja alles dunkel. Wird hier Strom gespart?

Noch im Halbschlaf schleiften wir unsere Koffer von einer Schiebetür zur nächsten. Zunächst erfolglos. Erst die allerletzte Tür öffnete sich.

Erleichterung.

Nein, stopp, minikurz. Wir durften nur in einen kleinen, dunklen Warteraum – in dem bereits viele andere Reisende waren. Kein einziger Sitz war mehr frei. Wir erfuhren: Der Flughafen öffnet in Baden-Baden erst um 6 Uhr. Och nöööö. Es war nicht zu fassen, ich stand tatsächlich morgens 60 Minuten zu früh irgendwo. Unvorstellbar.

Schlafen im Stehen gehört leider nicht zu meinen Kompetenzen. Die Stunde war lang, verdammt lang.


Wie bei Tinder!

Zumindest die erste Stunde in Tel Aviv lief aber nach Plan. Die Sonne schien und wir fanden problemlos unsere Airbnb-Wohnung. Für unsere fünf Tage in Tel Aviv hatten wir uns in einem echten Bauhaus im Künstlerviertel Florentin einquartiert. Doch mit Airbnb ist es wie mit Tinder, was auf den Bildern glänzt und hübsch aussieht, hat in der Realität meist einige Ecken und Kanten.

In diesem Fall hieß das: Der Putz blätterte von der Decke, das Warmwasser kam beim Duschen äußerst unzuverlässig, es war bitterkalt in unserem Zimmer, und es roch ganz schräg nach Katzenklo. Und: Statt der Vermieterin Moran, die laut Beschreibung mit uns dort wohnen sollte und uns vor Ort Tipps geben wollte, waren da plötzlich zwei Männer aus Berlin. What?

So hatten wir in Tel Aviv plötzlich eine urdeutsche WG – mit allen typischen Problemen und Geschlechterklischees, die wir uns vorstellen konnten. Das Toilettenpapier war nach zwei Tagen weg, keine Reaktion der Herrschaften. Gar keine. Bis wir Neues kauften.

Auch das Spüli war nach zwei Tagen leer. Kein Problem für unsere männlichen Mitbewohner. Wir knickten wieder ein und liefen zum Supermarkt.

Wenigstens in einem Punkt brachten sie die Geschlechter-Schubladen durcheinander: Während sie beim Kochen strikt auf Kohlenhydrate verzichteten und sich asketisch von Erbsen-Mais-Aufläufen ernährten, gönnten wir uns Gnocchi, Bagels und süße israelische Teilchen. Lecker!

Ich wohne nun gerne wieder alleine.

Typ im Cafe

Wir hatten uns im Oktober für die Reise nach Israel entschieden, weil wir das Jahr 2018 im Warmen beginnen wollten. 22 Grad Durchschnittstemperatur sagte dieses Internet für Tel Aviv und En Gedi vorher. Perfekt, dachten wir uns, da wollen wir hin – und buchten. Wir freuten uns.

Dass es dieser Wettergott eventuell nicht ganz so gut mit uns meinen könnte, kam mir bereits einige Tage vor Abreise in den Sinn. Da checkte ich nämlich die Wetter-App auf meinem Smartphone und sah mit Schrecken: Regenwolken.

Aber ich war noch optimistisch, vielleicht übertreibt die App ja und ist ungenau. Ich hoffte. Vorsichtshalter packte ich aber Westen, Schal und Regenschirm mit in den Koffer ein – zu den Sommerkleidchen, die ich ja spätestens in der Wüste brauchen würde. Dachte ich.

Das trockene Wetter hielt genau bis zum Jahreswechsel. Um 0.30 Uhr fielen die ersten Regentropfen auf meinen Kopf, als wir in einer provisorisch überdachten Kneipe in Florentin das neue Jahr begrüßten – mit Arak, den uns der freundliche Kellner kostenlos mehr als einmal brachte.

 

Am nächsten Morgen weckte uns der prasselnde Regen. Plitsch, platsch. Ich machte nur fünf Meter vor die Tür und meine Stoffschuhe waren komplett durchnässt, so hoch stand schon das Wasser auf der Straße. Durch die Stadt spazieren, komplett unmöglich. Wir entschieden uns, erstmal in das Café zu gehen, das im gleichen Haus war. Albi. Es ist toll dort.

Wir saßen dort lange. Es regnete, regnete und regnete. Durch die beschlagenen Fenster sahen wir irgendwann einen Herrn die Straße entlang laufen – ohne Schirm, ohne Eile. Er blickte durch den Nebel zu uns hinein, blieb stehen, öffnete die Tür, kam herein und setzte sich an den Tisch direkt nebenan. Die Regentropfen purzelten aus seiner karierten Wollweste, aus seinen schwarzen Locken, rannen ihm das Gesicht hinunter. Stoisch ertrug er das Nass. Es dauerte keine fünf Minuten und er sprach uns an, im brüchigen Deutsch und erzählte: Von seiner tanzenden Karriere im Ensemble von Sasha Waltz. Mit ihr war er bereits in Karlsruhe, im ZKM. Nun hatte er sich in seiner WG ausgesperrt, müsse die Zeit überbrücken, bis sein Mitbewohner nach Hause kommt.

So saßen wir alle in diesem Café und warteten, alle auf etwas anderes, gemeinsam.

Fortsetzung folgt.

 

 

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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