21. Januar 2018

Heimat: “Ein Abend bei Amélie Hentschel”

Alle Bilder sind von Sebastian Heck.

Kreatives unter dem Dach

Direkt unter dem Dach hat sich Amélie Hentschel ihr Atelier eingerichtet. Wenn es regnet, hört sie dort das Prasseln der Tropfen, wenn die Sonne scheint, erhellen die Strahlen den kleinen Raum. Drei Stockwerke wandert sie jeden Morgen von ihrer Wohnung dorthin hoch – sobald ihre zwei kleinen Jungs in der Kindertagesstätte sind und sie den Kopf frei hat: für Stoffe, Muster und neue Kreationen an der Nähmaschine.

Das ist Amélie.

„Mein Kämmerchen“, nennt die Designerin liebevoll ihre Oase. „Hier kann ich kreativ sein und neue Stücke für mein Label entwerfen.” AH310 hieß ihr Hautprojekt bislang, der Name setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben ihres Namens und dem Startdatum, dem März 2010. Zukünftig wird die Designerin ihre eigenen Kollektionen aber unter dem Label “Amélie Hentschel” herausbringen, AH310 besteht mit ihrem Mützen-Upcycling-Projekt fort.  

Paris-Berlin-London-Karlsruhe

Als Amélie vor knapp acht Jahren das Label AH310 gründete, war sie erst wenige Monate in Karlsruhe. „Ich bin der Liebe wegen hier gelandet“, sagt sie und lacht. In London hatte sie in einer Bar ihren jetzigen Ehemann, einen Herrn aus der Fächerstadt, kennengelernt und sofort gewusst: Das passt, das ist der Richtige. Nach 18 Monaten Fernbeziehung packte sie ihre Koffer, ließ London zurück – mit unzähligen Erfahrungen und Kompetenzen.

Aufgewachsen ist die 35-Jährige zunächst in Paris, dann in Berlin. „Mit Mode und Kunst kam ich bereits in meiner Kindheit in Berührung“, sagt sie. Ihr Vater malt viel, mit ihrer Mutter war sie oft auf Ausstellungen und Filmfestivals. Nach dem Abitur war für Amélie klar: „Ich will Modedesign studieren.“ Sie bekam einen Platz in Paris, zog wieder nach Frankreich und lernte das Nähen und das Entwerfen von Schnitten von der Pike auf. „Die ersten Jahre waren sehr anstrengend“, sagt sie heute im Rückblick. An vielen Tagen arbeitete die Designerin 16 Stunden, fiel abends kaputt ins Bett. „Es war eine harte Schule, aber ich habe unglaublich viel gelernt.“

Arbeiten mit Roland Mouret

Es zahlte sich aus. Sie bekam im Anschluss einen Platz in London an der renommierten Central St. Martins Womenwear, machte dort ihren Bachelor und erhielt die Chance, bei dem Designer Roland Mouret zu arbeiten. „Ich habe dort die Produktion geleitet“, sagt die 35-Jährige. Das heißt: Sie kümmerte sich um den Versand, koordinierte, organisierte, fuhr ein Mal die Woche nach Frankreich in eine Stofffabrik. „Das war alles sehr spannend, für meine eigene Kreativität blieb aber kaum Raum“, sagt sie.

Wunsch nach eigenem Label

So entstand immer mehr der Wunsch nach einem eigenen Label – bis er im März 2010 Realität wurde. „Es war für mich früh klar, dass ich Mode für Frauen entwerfen möchte“, erklärt Amélie. Ihre Zielgruppe sind vorrangig Damen, die klare und klassische Schnitte mögen. Der Großteil ihrer selbst entworfenen Kleidungsstücke sind schwarz und bestehen aus ausgewählten Stoffen. „Qualität ist mir sehr wichtig“, sagt die Designerin. Oft fährt sie zur Inspiration und Stoffsuche nach Paris, kehrt dann mit Seide oder Tweed zurück.

Individuelle Mützen und Kleidung nach Maß

Außer ihrer eigenen Kollektion entwirft die 35-Jährige auch nach Maß und Auftrag Kleidungsstücke und hat außerdem ein Up-Cycling-Projekt: „Ich mache aus alten Lieblings-T-Shirts neue Mützen“, erklärt sie. Das Besondere daran: Jedes Stück ist nicht nur ein Unikat, sondern es gibt eine Verknüpfung der Mützen untereinander. Wie das? „Von jedem T-Shirt behalte ich ein Stück für den nächsten Auftrag und nähe dieses an die Unterseite des Schildes – so entsteht eine Kette“, erklärt sie. Da die Designerin die Kollektionen für Frauen und die Mützen strikter trennen möchte, wird es in Zukunft nur noch die Mützen unter dem Label AH310 geben, alle anderen Kleidungsstücke laufen unter dem Label “Amélie Hentschel”. 

Für “Amélie Hentschel” liegt bei meinem Besuch auch eine Bestellung einer Kundin auf dem Tisch, die aus edlem japanischen Stoff ein Kleidungsstück haben möchte. „Das ist mein Projekt für die nächsten Tage – für die Zeit in meinem kleinen Kämmerchen“, sagt Amélie und lacht. Wenn es regnet, wird sie dann das Prasseln der Tropfen hören, wenn die Sonne scheint, werden die Strahlen den kleinen Raum erhellen.

Info:
Wer sich für die Kollektion von Amélie interessiert oder sich gerne von ihr ein Kleidungsstück entwerfen lassen möchte, erfährt hier mehr: ameliehentschel.com

Außerdem veranstaltet sie am  21. April 2018 in Kooperation mit dem französischen Schuhmacher Benjamin Bigot zum achten Geburtstag von AH310 ein Event in dessen Atelier in der Niddastraße 26 in Grötzingen.

Die Bilder sind von Sebastian Heck: sebastianheck.com und facebook.com/SebastianHeckPhotography/

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One thought on “Heimat: “Ein Abend bei Amélie Hentschel”

  1. fatio sagt:

    Un bonheur de créer irradie de cet article et de la personnalité de la créatrice.Il est agréable de voir que la mode peut être belle et “simple”.Amélie mérite d’être reconnue et connue .Bonne continuation!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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