25. Januar 2018

Schmöker: “Unterleuten” von Juli Zeh

Sozialromantik ade!

Natur, Ruhe und Zusammenhalt: Geplagte Städter sehnen sich oft ein Leben auf dem Land herbei. Raus aus dem Trubel, rein in die Idylle. Aber Vorsicht. Das Leben im Dorf kann trügerisch sein. Es wird getratscht, beobachtet, analysiert, intrigiert. Welches Auto parkt vor welchem Haus, wer saß bis zuletzt in der Kneipe, wer redete auf der Straße wie lange mit wem? Juli Zeh gewährt in ihrem Gesellschaftsroman “Unterleuten” einen Blick in genau solch ein Szenario – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Sie entwirft ein abwechslungsreiches Zusammenspiel von Alteingesessenen, Zugezogenen, jungen und alten Menschen. Das ist spannend, treffsicher und sehr unterhaltsam.

Mitten im Leben

Mit “Unterleuten” hat Juli Zehn ein fiktives Dorf in Brandenburg geschaffen – 250 Menschen leben dort. Die Charakteristika: “Unterleuten las keine Zeitungen, sah kaum fern, benutzte das Internet nicht, (…) rief niemals die Polizei.” Konflikte werden untereinander ausgemacht. Ein geplanter Windpark bringt das Dorfleben aber gehörig durcheinander, verschiedene Interessen prallen dadurch aufeinander, alte Wunden brechen auf, neue Streitigkeiten entstehen.

Differenzierte Charaktere

Der Roman ist in sechs Teile unterteilt, in denen zahlreiche Bewohner aus Unterleuten zu Wort kommen – und jeder seine ganz eigene Ansicht und Wahrheit hat. So setzt sich wie bei einem Puzzlestück nach und nach ein Bild des Geschehens zusammen.

Seit Jahrzehnten im Dauerclinch sind beispielsweise die zwei alten Unterleutner Kron und Gombrowski. Kron ist 1954 in Unterleuten geboren, war ehemaliger Brigadeführer in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in der DDR und weiß über alles Bescheid. Rudolf Gombrowski ist sieben Jahre jünger, arbeitete ebenfalls in der LPG und hat nach der Wiedervereinigung ein besseres Händchen für Geschäfte bewiesen als Kron. Jeder im Dorf schuldet Gombrowski etwas – oft auch wegen sehr dubioser Dinge in der Vergangenheit.

Daneben stehen Zugezogene wie der Soziologe Gerhard Fließ und seine Frau Jule, die für die Dorf-Idylle das Leben in Berlin zurückließen – und damit Theater, Restaurants und Bars. Schnell stellen sie aber fest: So beschaulich ist das Leben in der Provinz nicht, ihr Nachbar verbrennt im Hochsommer Müll und die Windanlagen sollen ihre Aussicht aus dem Fenster versperren. So befinden sie sich schneller als gedacht mitten im Dorfzwist.

Multimediales Vergnügen

Wer sich den Aufbau des Orts und alle relevanten Bewohner genauer anschauen möchte, kann sich dazu auch auf der extra eingerichteten Internetseite unterleuten.de einen Überblick verschaffen. Besonders die Steckbriefe der einzelnen Bewohner sind hilfreich, wenn man einige Tage keine Zeit zum Lesen hatte und nochmals eine Auffrischung braucht. Sogar für die Dorfkneipe, den Märkischen Landmann, hat Juli Zeh eine eigene Internetseite gemacht – das ist eine sehr gelungene und witzige multimediale Verknüpfung.

Juli Zeh hat sich bei “Unterleuten” im Gegensatz zu ihren anderen Werken für eine sehr zugängliche Sprache entschieden. Der Roman lässt sich dadurch schnell lesen. Ab der Hälfte kippt der Spannungsbogen ein wenig, 100 Seiten weniger wären auch okay gewesen. Das überraschende und interessante Ende, die differenziert ausgearbeiteten Charaktere und die treffsichere Beschreibung des Dorflebens entschädigen aber. Am Ende bleibt ein gutes Gefühl – vor allem darüber, in einer anonymen Wohnung mitten in der Stadt zu wohnen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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