29. Januar 2018

Kurioses: “Kreatives Chaos”

Minimalismus? Fehlanzeige

Es gibt Menschen, die behaupten, ich lebe im kreativen Chaos, andere nennen es Tetris-Wohnung, manche sagen freundlich: “Du hast es ja gemütlich”. Ich gebe zu: Minimalismus wäre definitiv der falsche Begriff, um den Zustand in meiner 50 Quadratmeter großen Wohnung zu beschreiben.

Mein Zuhause ist eine Mischung aus Flohmarkt, Ikea und Krimskrams aus dem Internet. Alles bunt, alles zusammengewürfelt. Ich greife zu dem, was mir gefällt und vertraue meiner Intuition.

Leben auf kleinstem Raum

Vor kurzem stand ich in einem Tiny House, also in so einem winzigen Haus, in dem die Menschen auf weniger als 15 Quadratmetern leben. Ich schaute mich interessiert um, sprach lange mit dem Bewohner – fragte ihn, ob er nichts vermisse. Nein, meinte er, er fühle sich leichter, freier. Ohne Ballast.

Lange musste ich über das Gespräch nachdenken, saß eines Abends in meinem Wohnzimmer, schaute auf meine unzähligen Bücher, die sich über den gesamten Raum verteilen, mein Regal, das völlig überladen schon ein wenig schwankt, und fragte mich: Was wäre, wenn ich ausmisten würde, die Bücher verschenken, meinen Kleiderschrank leeren? Würde ich mich dann besser fühlen? Freier?

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Nein. Ich mag es, dass meine Zimmer wohnlich sind, dass es darin keineswegs aussieht wie in einem Museum, einem Einrichtungshaus oder in einem Hochglanz-Katalog. Hier wohne ich, hier lebe ich. Ja, das sieht man.

Manchmal frage ich mich wirklich, wie es Menschen mit ihren Erinnerungen handhaben, wenn sie nur noch einen riesigen Fernseher, ein Sideboard und eine Couch im Wohnzimmer haben. Okay, vielleicht noch ein schniekes Rennrad an der Wand und eine fancy Vase mit Schnittblumen. Alles durchgestylt, alles genormt, instagram-kompatibel, aber irgendwie auch so austauschbar und clean.

Melancholie am Sonntag

Haben diese Menschen irgendwo Kisten mit alten Liebesbriefen, mit den schönsten Postkarten, mit besonderen Kinokarten von einem ersten Date? Kisten, mit denen man sich sonntags mal hinsetzen und melancholisch sein kann.

Und haben sie auch noch irgendwo Bücher, in denen sie sich weise Sätze markiert und Eselsohren reingemacht haben? Vielleicht irgendwo im Keller, verstaut in einem Karton? Oder sagen sie sich: Das kann alles weg, ab in den Müll, Erinnerungen genügen im Herzen?

Ein Spiegel der Seele

Vor vielen Jahren schrieb ich für ein Magazin eine Reportage über Sozialarbeiterinnen, die Menschen dabei helfen, Ordnung in ihre Wohnung zu bekommen, Menschen, denen es oft nicht gut geht. “Das Zuhause ist ein Spiegel der Seele”, erzählten mir die Sozialarbeiterinnen. An diesen Satz muss ich noch oft denken.

Es gibt Menschen, die behaupten, ich lebe im kreativen Chaos, andere nennen es Tetris-Wohnung, manche sagen freundlich: “Du hast es ja gemütlich”. Ich gebe zu: Minimalismus wäre definitiv der falsche Begriff, um den Zustand in meiner 50 Quadratmeter großen Wohnung zu beschreiben. Aber das ist auch völlig okay so. Meine Wohnung spiegelt mich wider.

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3 thoughts on “Kurioses: “Kreatives Chaos”

  1. Lionel Messi sagt:

    Aufgrund meines Nachnamens denken ja viele Leute ich sei ein vereinsamter Mietnomade, der ganz alleine ohne fremde Hilfe zum Fußballgott wurde.
    Das ist jedoch völlig falsch. Sie als social media affine bloggerin können mir doch sicherlich zustimmen, wenn ich behaupte:
    Hinter jedem erfolgreichen Youtube-Star steht ein solides Billy-Regal!

    1. Tina sagt:

      Musste ich grad lachen! Nett geschrieben!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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