24. April 2018

Heimat: “Radikale Akte” im Badischen Staatstheater Karlsruhe

Porzellanpuppen-Parade

Im Gleichschritt tippeln sie auf der Bühne hin und her, ihre gelben Ringellocken hüpfen gleichförmig dazu auf und ab, die rosafarbenen Röcke schwingen im Takt. Ihre Gesichter: kalkweiß, ihre Münder spucken im Chor dieselben Wörter aus. Der Gleichschritt, die Mädchen-Uniform: Die Porzellanpuppen wirken wie aufgezogene Spielzeuge, reduziert auf ihren weiblichen Körper. Assoziationen zu Paraden in Nordkorea tauchen in meinem Kopf auf. Widerspruch: nicht erwünscht, vielmehr gefährlich. Einzig die Anpassung, die Unterordnung ist erlaubt.

Von der Konformität zur Einzigartigkeit

Dann jedoch setzen treibende Weltmusik-Beats ein, die Puppen befreien sich von ihrer Verkleidung, werfen ihre Perücken mit Wucht zur Seite. Sie verwandeln sich zu Individuen, die eine ganz eigene Stimme haben, zu 18 Frauen aus Karlsruhe, die etwas zu sagen haben. Ihre Erzählungen und Erfahrungen stehen im Zentrum von „Radikale Akte“, der neuesten Produktion des Volkstheaters, der jüngsten Sparte des Badischen Staatstheaters Karlsruhe.

Anlässlich der offiziellen Eröffnung der Europäischen Kulturtage Karlsruhe hat das Stück von Regisseurin Mizgin Bilmen Premiere gefeiert. Es ist eine Aufführung, die knallt, die voller Kraft ist und die mich nochmals mit viel Dynamik wachrüttelt – denn sie fasst zusammen, wie viel Ungleichheit es in der Gesellschaft immer noch gibt und wie sehr Frauen für ihre Rechte kämpfen müssen.

Unterschiede werden sichtbar

In weißen Unterhemden und Unterhose stehen die 18 Frauen nach ihrer Verwandlung auf der Bühne, sichtbar sind nun all die Unterschiede: Es sind junge und ältere Frauen unter ihnen, blonde und dunkelhaarige, dünne und dickere. Eine große Herzgranate ergänzt die Szenerie. Das dramatisch wirkende Objekt von Bühnenbildnerin Hannah Lenz verknüpft auf einen Blick den Kampf der Frauen mit all der Emotionalität, die damit einher geht. An einem Zünder lässt sich die Herzgranate ziehen, sie ist das Zentrum auf der Bühne, um das sich die Frauen immer wieder versammeln.

Trotz der nun sichtbaren Heterogenität haben die Akteurinnen eines gemeinsam: Sie befinden sich alle in einer Gesellschaft, die von Männern dominiert wird. Umgeben von grellen Lichtblitzen und immer wieder einsetzenden treibenden Beats erzählen sie ihre persönlichen Geschichten – und die von Frauen, denen im Lauf der Geschichte auf der ganzen Welt Ungerechtigkeit widerfuhr.

Keine Ikone, keine Prinzessin!

“Ich bin keine Ikone”, rufen die Frauen immer wieder im Chor. Denn Ikonen sind sprachlos. Vielmehr braucht es für Veränderungen Frauen, die unbequem sind, die laut denken, sich für ihre Rechte einsetzen. Die keine Prinzessinnen sind.

“Mein Leben ist wie eine schlechte Statistik”, sagt eine der Akteurinnen auf der Bühne. Sie erzählt von den Lohnunterschieden, die es nach wie vor zwischen Frauen und Männern gibt. Und von Ungleichgewichten bei der Besetzung von Jobs: Am Theater beispielsweise dominieren bei den Regisseuren die Männer, die Frauen nehmen dagegen bei den Souffleusen die Mehrheit ein.

Eine andere Frau wünscht sich einen Körper, der nur ihr gehört. Ein Bedürfnis, das allein vor dem Hindergrund der “Me too”-Debatte von großer Bedeutung ist.

Was muss ich als Frau in einer Liebesbeziehung außerdem alles aushalten? Häme? Kritik? Ignoranz? Was hinhalten? Den Unterleib, die Wange? “Radikale Akte” wirft all diese Fragen auf.

Außerdem: Warum plagen sich fast immer nur Mütter bei der Kinderziehung mit Vorwürfen und müssen sich mit der Kritik von Verwandten auseinandersetzen: Du kümmerst dich zu wenig, du hast zu wenig Zeit. Was ist mit Vätern, die erst spät am Abend von der Arbeit kommen? Rabenmütter, ein Ausdruck, dessen maskulines Pendant mir nicht bekannt ist.

“Radikale Akte” wirbelt in knapp 70 Minuten nochmals die grundlegenden Ungleichgewichte zwischen Frauen und Männern auf, so komprimiert ist es wie ein Schlag, wie eine explosive Bombe, mit der sich jeder auseinandersetzen sollte.

Informationen:
Wann “Radikale Akte” aufgeführt wird, steht hier: Termine

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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