28. April 2018

Kurioses: “Ü30”

Maifeld Derby 2015

Mit 30 gehts bergab

Es begann langsam und in Stufen. Als ich meinen 30. Geburtstag schon einige Monate hinter mir hatte, saß ich an einem Montag völlig verknittert bei der Arbeit und musste mir eingestehen: So wie früher, nein, so läuft das leider nicht mehr.

Früher, damit meine ich die Zeit, als ich nach dem Studium zunächst als Freelancerin arbeitete und es schaffte, bis morgens um 6 Uhr mit Freunden zu feiern, um 9 Uhr scheinbar fit bei Terminen erschien, drei Artikel an einem Tag schrieb – und am Abend wieder unterwegs war.

Das ist inzwischen unvorstellbar. Vielmehr wirkte sich dieser Alterungsprozess in den vergangenen Jahren langsam, aber schleichend immer drastischer auf meine Wochenendgestaltung aus:

  • Stufe 1: Der Kater war plötzlich dreifach schlimm – und das bei geringerer Menge Alkohol als früher. Seit geraumer Zeit ist es für mich schlichtweg unmöglich, freitags UND samstags bis in die frühen Morgenstunden in Clubs zu stehen.
    Bin ich an einem Abend aus, geht es mir am anderen Tag so schlecht, dass ich außer Pizza bestellen, gar nichts mehr auf die Reihe bekomme. Fällt dieser Kater-Tag auf einen Samstag, stehe ich regelmäßig am Sonntag in einer ungeputzten Wohnung vor einem nahezu leeren Kühlschrank.
  • Stufe 2: Es kamen zahlreiche Wochenenden dazu, an denen ich in gar keinem Club mehr bin, sondern Bars bevorzuge – solche, in denen DJs auflegen und es sich noch ein mini bisschen wie Feiern anfühlt.
  • Stufe: 3: Ich liege freitags nach einer Arbeitswoche platt um 22 Uhr im Bett, bin samstags um 8 Uhr von alleine wach und gehe auf den Markt. Abends bin ich auch mal in Bars anzutreffen, in denen die Musik leise ist und ich mich ernsthaft mit Freunden unterhalte – nüchtern und bei komplett klarem Verstand.

Helga!

Aber nicht nur auf meine Wochenendgestaltung, sondern auch auf eine feste Institution meiner Freizeitgestaltung nahm das Älterwerden Einfluss.

Seit meiner Studienzeit war ich jedes Jahr auf mindestens einem Festival. Die ersten Ausflüge gingen während des Studiums zu “Rock am Ring”. Unsere Gruppe damals: drei Jungs, drei Damen, zwei vollbepackte Autos. Zelte, Isomatten, Klappstühle und ganz viel Bier. Wir waren bestens ausgerüstet. Wenn ich heute darauf zurückblicke, dieses Festival war der Wahnsinn. 80.000 Menschen, viele harte Jungs und stundenlanges Anstehen an den Duschen.

An Schlafen war meist gar nicht zu denken. Lagen wir irgendwann mal in unseren Schlafsäcken, drehte der Nachbar seine Musikanlage nochmals richtig auf. Oder es stolperten betrunkene Menschen über unser Zelt, rammten einem den Fuß in den Magen, während sie in Dauerschleife “Helga” grölten. Aber irgendwie steckten wir das alle ganz gut weg.

Alles andere als Wellness!

Als wir Mädels Jahre später Singles waren, fuhren wir einfach ohne Jungs zu den Festivals. Bauten bei den größten Stürmen in der Dunkelheit unsere Zelte auf, schleppten das Gepäck von weit entfernten Parkplätzen zu unseren ausgewählten Übernachtungsdomizilen. Wir waren stark, wir schafften das.

Als an einem Samstagabend bei “Coldplay” ein brachiales Gewitter ausbrach, das Konzert enden musste und alle gleichzeitig in großer Hektik zu ihren Zelten rannten, war das Chaos groß. Da standen wir, mitten im Gewitter, unsere Caps hatten längst den Wassermassen nachgegeben, die grellen Lichtblitze, sie waren ganz schön nah.

Unsere Rettung vor dem Wasser: eine Plane, die sich gelöst hatte und die uns der Wind vor die Beine wirbelte, wir stellten uns hintereinander auf, hielten sie uns über den Kopf und liefen langsam den weiten Weg zum Zeltplatz weiter – während der Regen wie verrückt neben uns herunterprasselte.

Beim “Southside Festival” versanken wir das Jahr darauf komplett im Schlamm. Regen hatte den Boden aufgeweicht und die zig Tausend Menschen, die darüber trampelten, wühlten die Erde auf. Es war im Zelt alles feucht, klamm, kalt. Wir tranken den ganzen Tag Cuba Libre, das Getränk wärmte uns, danach war ich nur eine Woche lang krank.

Mir dämmerte: Das mit diesen großen Festivals überstehe ich in einer seriösen Festanstellung nur noch schwer. Direkt nach dem Feierabend am Donnerstagabend hin, völlig übermüdet sonntagnachts zurück – und am Montag wieder fit am Schreibtisch sitzen. Nein. Unmöglich.

Eine neue Tür geht auf: Hallo Maifeld Derby

Aber wie das so oft ist mit diesem Leben, geht eine Tür zu, geht eine andere auf. In meinem Fall: die zum Maifeld Derby. Vor vier Jahren war ich zum ersten Mal dort – und alles, was mich an den anderen Festivals abschreckte, gab es dort nicht. Keine Menschenmassen, kein Gedränge, keine Alkoholleichen, alles ist entspannt. Ich kann nachts noch nach Hause fahren oder bei Freunden in Mannheim schlafen.

Statt die Bands in einer Menge von zig Tausend Leuten zu sehen, ist beim Maifeld Derby alles gemütlicher. Ich sah Drangsal von ganz nah, Wanda, José González. Und Fink, der mich mit seinem Auftritt im Zirkuszelt zutiefst berührte. Außerdem kehre ich jedes Jahr mit vielen neuen musikalischen Entdeckungen zurück.

Als mir nun vor wenigen Tagen eine Freundin schrieb, Miriam, kommst du wieder mit zum “Maifeld Derby”, klickte ich mich kurz durchs Programm, hörte in die Spotify-Playlist, las von Ibeyi, den Eels, Nils Frahm, Kat Frankie, The Kills – und sagte ja, ja, ja.

Alles hat seine Zeit

Für ein Interview plauderte ich vor Kurzem mit einem Herrn, er meinte zu mir: “Alles im Leben hat seine Zeit.” An diesen Satz muss ich oft denken, ja, das Leben fließt, verändert sich. Ich werde älter. Hadern, sich an Altem festkrallen oder es akzeptieren – ich habe mich für Letzteres entschieden. Schließlich bringt auch jede Zeit neue Chancen und Erfahrungen mit sich.

Infos zum Maifeld Derby: Maifeld Derby

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3 thoughts on “Kurioses: “Ü30”

  1. Agnetha Fältskog sagt:

    Lieber Autorin,

    Sie sprechen mir als Best Ager direkt aus der Seele.
    Ich habe nach der Lektüre Ihres Artikels sofort meine schwedischen Jugendfreunde Björn, Benny und Anni-Frid angerufen.
    Wir hatten früher mal eine Tanzkapelle und haben jetzt nach all den Jahren wieder angefangen ein bisschen zu jammen.
    Wenn dabei erneut einer dieser Welthits raus kommt tragen Sie die Verantwortung dafür!

  2. Julian sagt:

    Was kommt eigentlich nach Stufe 3? Bitte so sage mir, es sei die letzte Stufe!

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Haha. Das hoffe ich doch auch :D

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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