12. Juni 2018

Heimat: “Fussball-Weltmeisterschaft”

Happiness zum Nulltarif

Als vor vier Jahren die Menschen nach dem Abpfiff des WM-Finales Freudentränen in den Augen hatten, sich Fremde überschwänglich in die Arme fielen und mit ihren Autos wild hupend die ganze Nacht durch die Straßen fuhren, da war Deutschland eine Einheit. Die Fußballnationalmannschaft hatte für kollektives Glück gesorgt – und auch ich saß mit meinen Freunden beim Public Viewing und fand es schön. Happiness zum Nulltarif, quasi.

Nun rückt die WM in Russland immer näher. Bäcker zaubern schwarz-rot-goldene Macarons in ihre Verkaufstheken, es gibt Zahnbürsten in den gleichen Farben und Duschgels in Sondereditions. Doch in diesem Jahr sind meine Gefühle sehr gespalten, meine Vorfreude auf das gemeinsame Schauen in der Öffentlichkeit ist getrübt. Viel ist in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft passiert – zuviel.

Ein Land steht Kopf

Es begann mit dem Zustrom der Flüchtlinge im September 2015. Als Angela Merkel meinte, wir schaffen das, da war in München zunächst noch Euphorie da. Ja, wir sind stark, wir können das, Endorphine flossen, und als ich zu diesem Zeitpunkt begann, mit Flüchtlingskindern in Notunterkünften zu basteln und zu spielen, da war ich tatsächlich noch ein wenig stolz, dass Deutschland sich so großzügig zeigt, und ich Teil dieser offenen Gesellschaft sein darf.

Doch die Situation kippte. Und statt Empathie und Herzlichkeit kamen immer mehr Ängste, Ablehnung und Härte zum Vorschein. Selten berechtigt, meist überdreht. Harte Diskussionen bestimmten den Alltag, in Familien, Freudeskreisen, zwischen Kollegen.

Wo ist nur das C geblieben?

Verständnis, Toleranz, Offenheit? Das waren Werte, die es plötzlich nur noch in kleinen Gruppen gab, aber nicht mehr im Großteil der Gesellschaft. Derzeit liegt die AfD bei 16 Prozent – auf einem Drei-Monats-Hoch. 16 Prozent der wahlberechtigten Deutschen wählen diese menschenfeindliche Partei, dazu kommen noch die CSU-Anhänger, die sich mit populistischen Aussagen ebenfalls immer wieder in die äußerst konservative Ecke stellen. Wo ist nur ihr C geblieben?

Grausame Vorfälle wie um Mia in Kandel und Susanna in Mainz lassen die Stimmung in Deutschland weiter explodieren. Verschiedene Gruppen demonstrieren seit vielen Wochen in Kandel ständig gegeneinander. Die einen sind bunt, die anderen braun. Es werden Parolen laut, die mich frösteln lassen – die mich an die 1930er-Jahre denken lassen. Und immer wieder an eine Führung im Berliner Museum „Topografie des Terror“, bei der uns der Leiter daran erinnerte, dass auch Hitler nie die absolute Mehrheit hatte, es reichte trotzdem.

Schweigen ist selten eine gute Lösung

Schweigen und einfach zu hoffen, dass schon alles gut gehen wird, darf nicht die Lösung sein. Dann werden die Lauten, Krawalligen gewinnen. Wir müssen sie immer wieder korrigieren, wenn sie mit falschen Zahlen Behauptungen aufstellen, die gegen die Mitmenschlichkeit gehen. Und der Dialog darf nie versiegen.

Was ist das mit diesem Stolz?

Es fühlt sich für mich in diesem Jahr nicht richtig an, mit Patriotismus auf Bierbänken zu sitzen und gemeinsam mit Menschen, denen jegliche Solidarität ein Fremdwort ist, einer Mannschaft zuzujubeln. Wir alle in Deutschland haben soviel Glück, in diesem Land leben zu dürfen, hier geboren oder aufgewachsen zu sein. Darf man stolz sein auf etwas, für das man gar nichts getan und geleistet hat? Sondern das lediglich vom Schicksal entschieden wurde?

Ich finde nicht.

Als vor vier Jahren die Menschen nach dem Abpfiff des WM-Finales Freudentränen in den Augen hatten, sich Fremde überschwänglich in die Arme fielen und mit ihren Autos wild hupend die ganze Nacht durch die Straßen fuhren, da war Deutschland eine Einheit. Fassade.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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