1. August 2018

Heimat: “Heimweh”

Mit voller Wucht!

Das Gefühl kam plötzlich und unvermittelt. Als ich in der Fußgängerzone in Reykjavik stand, Regentropfen wie graue Bindfäden vom Himmel fielen, Touristen hektisch in die Souvenierläden stürmten, da kreuzte dieses kleine Mädchen meinen Blick. Ein neonpinkes Zopfgummi bändigte ihre langen blonden Haare, ein Schriftzug zierte ihr T-Shirt: „Home is where your bed is“. Als ich sie sah, das Wort „home“ las, da packte mich unvorhergesehen und mit aller Wucht das Heimweh – ein Gefühl, das ich in solch einer Intensität noch nie erlebt hatte.

Zuckerschock, sieben Tage lang

Dass es so etwas wie Heimweh überhaupt gibt, erklärte mir meine Mutter in der siebten Klasse. Eine Woche Schullandheim stand an, Skifahren. Sieben Tage, so lange war ich zuvor noch nie ohne Eltern verreist. „Du kannst jederzeit anrufen, wenn du uns vermisst und Heimweh bekommst“, sagte meine Mutter zu mir, als der Reisebus kam. Okay, sagte ich, stieg ein und erlebte eine Woche, in der sich dieses ominöse Gefühl aber keineswegs einstellen wollte.

Tagsüber standen wir auf der Piste und sobald das Skifahren am Nachmittag vorbei war, investierten meine Freundinnen und ich unser Taschengeld in Süßigkeiten, die wir im nahegelegenen Supermarkt ergatterten – voller Freude und ohne elterliche Reglementierung verschlangen wir Unmengen davon auf unseren Stockbetten sitzend. Kekse, Gummibärchen, Nussschokolade. Wir standen wohl eine Woche lang unter einem enormen Zuckerschock. Sehnsucht nach Zuhause kam so keine auf. Im Gegenteil, wir waren äußerst vergnügt. Wer knutscht hier eigentlich mit wem? Und was treiben unsere beiden Lehrer, wenn sie am Abend die Weinflaschen leerten und dann verschwanden. Das waren Fragen, die uns damals umtrieben.

Island ist wunderschön

Auch bei den vielen Reisen, die ich seither erlebt habe: Ich war immer gerne weg, liebte es, raus aus dem Alltag zu sein, neue Dinge zu erleben und einfach einen Abstand zum sonstigen Trubel zu haben. Klar: Einzelne Personen habe ich immer wieder vermisst, besonders, wenn ich in Beziehungen war und dann alleine oder mit Freundinnen unterwegs war. Aber dieses Gefühl, das mich in Reykjavik überfiel, war neu, besonders deshalb, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt jede einzelne Sekunde in Island genossen hatte, verzaubert war und es liebte, in diesem Land zu sein.

Doch als dieses kleine Mädchen mit ihrem plakativen T-Shirt-Spruch in Reykjavik an mir vorbei lief, wurde mir bewusst, wie sehr ich meinen ganz gewöhnlichen Alltag in Karlsruhe vermisse, und dass mir selbst eine umwerfende Natur-Schönheit wie Island auf Dauer nicht das geben kann, was mein Leben in der Fächerstadt ausmacht – all die vertrauten Menschen, die Routinen und meine trubelige Freizeit.

Karlsruhe muss erobert werden

Es hat einige Jahre gedauert, um an diesen Punkt zu kommen. Als ich nach Karlsruhe zog, kannte ich niemanden, hatte keine Basis, keine Anknüpfungspunkte. Die Stadt kennenzulernen, mich in ihr zurechtzufinden, Freunde zu finden, bei denen ich mich bedingungslos wohlfühle, das war ein kleiner Kampf. Karlsruhe ist nicht offen, Karlsruhe muss erobert werden, aber dann ist es sehr beständig – und das schätze ich sehr.

Noch ein Kalenderspruch – sorry!

„My goal is to build a life i don’t need a vacation from“ – müsste ich den vergangenen Jahren in Karlsruhe eine Überschrift geben, würde ich diesen Kalenderspruch wählen. Ich habe tolle Menschen an meiner Seite, einen Strickkreis, meinen Blog und meine Pilatesgruppe. Mein Leben hier ist bunt und knallvoll mit tollen Dingen. Ich bin glücklich hier – auch wenn ich weiß, dass es Städte gibt, in denen es weitaus mehr Angebote gibt. Aber auch hier gibt es genügend Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, schöne Kneipen, die Wege sind kurz und es ist ein tolles Gefühl, oft auch einfach zufällig auf der Straße Menschen zu begegnen, die ich kenne und mit denen ich plaudern kann.

Es ist gerade alles gut.

Schön, wieder hier zu sein!

Das Gefühl kam plötzlich und unvermittelt. Als ich in der Fußgängerzone in Reykjavik stand, Regentropfen wie graue Bindfäden vom Himmel fielen, Touristen hektisch in die Souvenierläden stürmten, da kreuzte dieses kleine Mädchen meinen Blick. Ein neonpinkes Zopfgummi bändigte ihre langen blonden Haare, ein Schriftzug zierte ihr T-Shirt: „Home is where your bed is“. Als ich sie sah, das Wort „home“ las, da packte mich unvorhergesehen und mit aller Wucht das Heimweh.

Es ist schön, wieder in Karlsruhe zu sein.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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