18. August 2018

Kurioses: “JGA”

Ist denn schon Fasching?

Es war an einem heißen Sommerabend mitten in der Stadt, kurz vor Mitternacht. Ich saß mit einer Freundin vor einer Bar, wir plauderten, nippten an unserem kühlen Getränk, als eine Gruppe mit quirligen Damen an uns vorbeizog. Ich sah zunächst nur kurz hin, dann aber nochmals. Die Irritation war groß. Jede Einzelne hatte einen Fascinator auf dem Kopf, also so ein komisches Schmuck-Ding, was ich normalerweise nur im Fernsehen sehe, wenn Nachrichten aus dem britischen Königshaus auf dem Bildschirm flimmern oder ich auf Hochzeiten rumschwirre, bei denen der Dresscode „très chic“ lautet.

Meine Irritation verstärkte sich, als mein Blick an den Damen von oben nach unten wanderte – und ich sah, dass ihre restlichen Outfits völlig konträr zu den scheinbar edlen Kopfverzierungen waren. Sehr kurze und enge Shorts, gewöhnliche Shirts, Sektflaschen in der Hand und naja, die Frisuren waren auch schon ein wenig aus der Form geraten. Ich stupste meine Freundin an und fragte: „Was ist denn da los? Ist denn schon Fasching?” Sie sah zu der Gruppe, schüttelte den Kopf und sagte nur: „Junggesellinnenabschied.“

Dresscode: warum?

Zu Junggesellinnenabschieden (JGA) habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis, man könnte auch sagen: Da bin ich inzwischen sehr schnell weg. Zu viele schräge Aktionen habe ich in den vergangenen Jahren bereits mitbekommen.

Als ich 2010 zum ersten Mal auf solch einer Sause eingeladen war, ging ich noch völlig naiv hin. Ach, warum nicht, dachte ich. Ein gemeinsamer Tag mit einer Freundin, die mir zwar nicht super nah, aber auch nicht weit weg war. Einige der anderen Teilnehmerinnen kannte ich, andere nicht.

Der Dresscode: ein weißes T-Shirt und eine blaue Jeans. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Zu der Zeit trug ich aber ausnahmslos Röcke und Kleidchen, eine blaue Jeans hatte ich tatsächlich nicht im Schrank. Ich lieh mir eine Hose von einer Freundin – und fühlte mich den ganzen Tag wie verkleidet. „Warum dieser Zwang zur Uniformierung?“, fragte ich mich. Muss unbedingt unsere Kleidung die Zusammengehörigkeit ausdrücken, reichen nicht die Gefühle?

Vorbild für Ballermanngänger!

Bereits um 11 Uhr knallten die Sektkorken. Und es war kein gemütliches Trinken, nein, es war eine Druckbetankung, bei der manch jugendlicher Komasäufer oder Ballermanngänger noch etwas lernen könnte. Um 13 Uhr mussten ganz dringend Snacks vom Bäcker her, sonst wären einige Damen umgekippt. „Was ist denn da los?“, fragte ich mich wieder. Was muss denn hier alles kompensiert werden, dass man sich so früh schon so besaufen muss?

Penis!

Der Gang durch die Stadt, der Besuch am Abend in einem seriösen Restaurant, es war schräg, wir fielen auf. Eine Dame aus unserer Gruppe fing an „Penis“ lautstark am Tisch zu rufen, die anderen Gäste drehten sich verwundert zu uns um, ihr fragender Blick ist mir bis heute im Kopf geblieben.

Was kostet die Welt? Egal! Hauptsache es knallt!

Eigentlich dachte ich mal, dass JGA dazu dienen sollen, auch nochmals ernsthaft mit der angehenden Braut zu plaudern, sie zu fragen, wie es ihr geht, ob sie Ängste hat oder sie sich von den Hochzeitsvorbereitungen gestresst fühlt.

Aber irgendwie scheint dies bei vielen JGA in den Hintergrund zu rücken. Höher, schneller, weiter. Es ist inzwischen eine regelrechte Competition entstanden, das beste, tollste, verrückteste Event zu haben. Was kostet die Welt? Egal! Hauptsache es knallt. Wahrscheinlich gibt es bald nicht nur Wedding-, sondern auch JGA-Planer.

Explosion in der Whatsapp-Gruppe

Ein Bekannter erzählte mir von einem Junggesellenabschied, bei dem es donnerstags zum Feiern nach Thailand ging, sonntags zurück. Erinnerungen hat er nur noch wenige, er war quasi dauerbetrunken und danach komplett urlaubsreif. Die Kosten beliefen sich auf 1.000 Euro.

Bei einer Freundin eskalierte bereits die Planung. Der Betrag für den Flug nach London inklusive Hotelzimmer und Partynacht sprengte bei einigen eingeladenen Damen das Budget. Nicht alle konnten mit und bei denen, die es bezahlen konnten, kam Streit auf, ob der Trip mit Sightseeing sein soll oder nicht. Die Whatsapp-Gruppe explodierte. Die Braut spürte die angespannte Stimmung während des gesamten Wochenendes. Sie meinte nur zu mir: Ein Grillabend hätte mir auch gereicht – ich wollte doch nur eine schöne Zeit mit meinen Freundinnen.

Mit der Limousine durch die Kleinstadt, Pole-Dance-Kurse und ein Stripper: Sorry, ich bin raus. In den vergangenen Jahren habe ich einige Junggesellinnenabschiede komplett abgesagt oder mir nur einzelne Programmpunkte ausgesucht, zu denen ich dann dazu kam. Meine Freundinnen sind mir zum Glück nicht böse – meine engsten Begleiterinnen haben außerdem meist ein sehr entspanntes Programm.

Es geht auch anders!

Als ich mich in diesen Tagen mit Freunden und Bekannten über Junggesellenabschiede im Allgemeinen unterhielt, bekam ich aber auch zwei sehr schöne Geschichte erzählt: Eine Mädelsgruppe fuhr gemeinsam zum Happiness-Festival, es gab keinen Dresscode, nur die Braut trug einen Glitzer-Body – damit fiel sie in dieser Umgebung aber überhaupt nicht auf. Natürlich wurde auch Alkohol getrunken, aber das stand nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Freude, dass der gesamte Freundeskreis der Braut es geschafft hatte, an diesem einen Wochenende zusammen zu sein, zu tanzen und zu zelten.

Die 25-köpfige Männergruppe des Bräutigams mietete sich einen Reisebus und fuhr gemeinsam zu einem Gartengrundstück, das ein gutes Stück außerhalb der Stadt liegt. Die Herren grillten, tranken Bier, spielten Flip Cup, redeten, redeten und redeten. Der Bräutigam war so gerührt, dass er insgesamt fünf Mal in Tränen ausbrach. Er freute sich einfach so sehr, dass all seine Freunde bei ihm waren – fernab der Zivilisation, nur wegen ihm.

Heiratete ich jemals, dann wollte ich das genauso. Einen Junggesellinnenabschied ohne Dresscode, ohne Fascinator, ohne fancy Programm – es sollten einfach nur meine Freundinnen an einem ruhigen Ort bei mir sein, zum Plaudern, für eine gute Zeit.

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One thought on “Kurioses: “JGA”

  1. Ardbegger sagt:

    Fahr mal nach Düsseldorf oder Köln in die Altstadt. Da triffst Du manchmal vier bis fünf JGAs gleichzeitig. Manchmal bezweifele ich, ob da wirklich immer jemand heiratet oder ob die nur ein Grund zum Ausflippen brauchen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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