29. September 2018

Kurioses: “Klassentreffen”

Paris, damals.

Das Karma unterstützt

Am Ende stehe ich da mit Diebesgut in der Hand. Mit einem silbernen Kerzenständer mit abgebrannter Kerze, einem ockerfarbenen Steinkrug und einer Jackentasche voll mit bunten Bonbons. Und um mich herum eine kleine Gruppe mit Herren, die mir all diesen Krempel in die Hand gedrückt haben. Es ist ihre Art der Wiedergutmachung für die unfreundliche Bedienung im italienischen Restaurant, in dem wir an diesem Abend gegessen haben. Ihre Unterstützung des Karmas sozusagen.

Nun suchen wir nochmals den Weg zum Marktplatz. Die letzten Besucher des Weinmarktes dort sind bereits verschwunden, die Buden alle dicht und verriegelt. Zwei Fläschchen Wein haben wir aber noch abgestaubt. Der Regen prasselt auf uns nieder, plitschplatschnass stehen wir da, aber so spät nach Mitternacht stört das keinen mehr – gedanklich reise ich zurück in die Zeit, als wir noch zur Schule gingen und Schabernack an der Tagesordnung stand

15 Jahre Abitur.

Die 9c, Vorsicht, explosiv!

9c. Wir waren definitiv eine Klasse mit Explosionsgefahr. Spanisch als dritte Fremdsprache hatte uns zusammengebracht, an eine neugebaute Schule, die gerne Elite sein wollte. Unsere Klasse: ein bunt gemischer Haufen. Es gab Strebsame, Aufgeweckte, Laute und Leise. Und wilde Kreuzungen. In der Hufeisen-Form saßen wir zusammen. Mir gegenüber: die coolen Jungs, angesiedelt zwischen Skater und Hip-Hopper. Sie brannten mir meine ersten Mixed-CDs, mit Songs von Freundeskreis, Dynamite Deluxe und den Absoluten Beginnern.

Saures gegen Liebeskummer

Wir trieben allerlei Blödsinn. Schrieben unzählige Zettelchen, ließen sie durch die Reihen wandern, wurden manchmal dabei erwischt, oft aber nicht. Als ich im Frühling der neunten Klasse zum ersten Mal Liebeskummer hatte, die Jungs meine Tränen sahen, schickten sie mir statt Briefchen Center Shocks. Sie freuten sich diebisch, als mir beim Kauen des sauren Kaugummis das Gesicht entgleiste – und ich lachen musste. Mission erfüllt.

Im Rückblick betrachtet lebte ich in der Schulzeit in einer rosaroten Blase. Ich hatte unwahrscheinliches Glück und tolle Freundinnen neben mir sitzen. Sie spielen bis heute eine wichtige Rolle in meinem Leben. In der elften Klasse war ich außerdem mit einem Herrn, der mir im Hufeisen gegenüber saß, romantisch liiert. So konnte ich eine Zeitlang in den Pausen knutschen und Händchen halten.

Mobbing?

„Gab es bei uns eigentlich Mobbing“, frage ich nun, 15 Jahre später, einen Herrn, der zu den Stilleren in der Klasse gehörte. Er überlegt kurz. „Nun ja“, beginnt er zögerlich. „Manchmal ging es schon kreuz und quer“, sagt er dann. Aber nachhaltig gelitten hat wohl nur eine: Frau Windig*.

Frau Windig war ein Jahr lang unsere Klassenlehrerin, bevor sie, nervlich komplett am Ende, das Handtuch warf. Aus der Zeit gefallen, antiquiert und schrecklich tolpatschig: Für unsere aufgeweckte Truppe war sie eine komplette Fehlbesetzung. Sie bot so viel Angriffsfläche, dass selbst die Ruhigsten und Gutmütigsten in unserer Klasse irgendwann die Augen verdrehten.

Wie Comedy!

Frau Windig hätte mit ihrem Outfit problemlos in der Nachkriegszeit leben können. Für ihre schwarzen Locken hatte sie sich eine Frisur ausgesucht, die zwischen zwei Längen schwebte. Oben am Hauptkopf eher kurz, hinten lang. Aus ihren offenen Sandalen blitzten stets die Nähte der beigefarbenen Feinstrumpfhose. Ihre Kleidung war meist flattrig und farblos, ohne Betonung der Körperformen.

Wenn Frau Windig überfordert war, rutschte ihre Stimme schnell ins Schrille und wurde dünn. Sie dann noch ernstzunehmen? Unmöglich. Ständig stolperte sie außerdem über den Kartenständer, der im Klassenzimmer stand. „Huch“, rief sie dann jedes Mal. Es war Comedy. Die Jungs begannen, das riesige Teil vor Beginn der Schulstunde direkt an die Tür zu stellen, Frau Windig purzelte jedes Mal darüber. Soziales Lernen? Nein. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Niedliche Strafen

Frau Windigs Sanktionen waren niedlich. „Par coeur“ rief sie immer, wenn einer von uns zu laut wurde. Die Strafe: etwas auswendig lernen. Meist traf es einen der Aufgewecktesten, aber auch Klügsten aus der Klasse. Er konnte über das Ausmaß meist nur müde lächeln. Wenige Zeilen eines Gedichts. Eine gedankliche Anstrengung von maximal fünf Minuten für ihn.

Komik ist Tragik in Spiegelschrift

Mit Frau Windig ging es übrigens auch auf Klassenfahrt, Paris. Noch heute habe ich das Bild im Kopf, wie wir an der Metro-Station stehen, sie keinen Gruppenschein kaufte, sondern hektisch 30 Einzeltickets zum Entwerten in den Automaten steckte – und wir am Gleis dabei zusahen, wie eine Bahn nach der anderen wieder wegfährt. Komik ist Tragik in Spiegelschrift.

Romantisierung der Vergangenheit, sehr gerne!

All diese Geschichten ploppen an diesem Abend, 15 Jahre später, wieder auf. Studium, die ersten Jahre in der Berufswelt, Heirat und Kinder. Die Welt hat sich nach dem Abitur schnell gedreht. Aber, als ich mir nun jeden Einzelnen nochmals genauer ansehe, die Herren reden höre, ihre Rollen in der Gruppe wahrnehme, registriere, wer es bis zum Schluss ausgehalten hat, denke ich mir nur: Vieles ist doch noch genauso wie früher.

So stehe ich da – mit Diebesgut in der Hand. Mit einem silbernen Kerzenständer mit abgebrannter Kerze, einem ockerfarbenen Steinkrug und einer Jackentasche voll mit bunten Bonbons. Und um mich herum die Herren, die mir all diesen Krempel in die Hand gedrückt haben. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.

* Der Name von Frau Windig ist leicht verdreht.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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